02.05.2013

Anstoss 18/2013

Wandlung ist alles

„Es muss sich etwas ändern.“ Wie oft ich diesen Satz in den letzten Jahren im Zusammenhang mit der Forderung nach kirchlichen oder gesellschaftlichen Veränderungen gehört habe, weiß ich nicht mehr.

Vom Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch war in diesen Tagen zu lesen, dass er die Empfehlungen seiner Diözesanversammlung prüfen und – wo ihm dies möglich ist – umsetzen will. Die Delegierten hatten sich für eine Stärkung von Frauen in der Kirche ausgesprochen, für eine Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten und für Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare. Zudem sollten auch Nichtpriester in katholischen Gottesdiensten predigen dürfen.
„Es muss sich etwas ändern.“ Wie oft ich diesen Satz in den letzten Jahren im Zusammenhang mit der Forderung nach kirchlichen oder gesellschaftlichen Veränderungen gehört habe, weiß ich nicht mehr. Solche Forderungen setzen voraus, dass Menschen unzufrieden sind und sich von einer Veränderung positive Impulse erwarten.  
Während ich die Beschlüsse der Freiburger Diözesanversammlung lese, macht sich in mir aber ein Unbehagen breit, das ich schwer in Worte fassen kann. Da stehen lauter Forderungen, die Gläubige gegenüber einem Amt formulieren. Ich frage mich, wo sind die Forderungen, die der Bischof mit seinen Gläubigen formuliert? Wo bleiben notwendige Veränderungen, die unser christliches Leben betreffen? Wo bleibt zum Beispiel die Forderung nach einem Wandel in unserem Gottesdienstverhalten. Für die große Mehrheit der Katholiken scheint die Eucharistie ihre Bedeutung als Quelle und Gipfel des christlichen Lebens – wie es die Väter beim Zweiten Vatikanischen Konzil formuliert haben – verloren zu haben.
Bevor wir die Kirche ändern, müssen wir uns selbst ändern. Diese Veränderung geschieht beim Brotbrechen. Wir sprechen von Wandlung und erklären damit zugegeben unvollkommen, was mit Brot und Wein geschieht. Aber wir meinen viel mehr. In der Eucharistie geht es um unsere Verwandlung, über die Augustinus in seinen Bekenntnissen sagt: „Empfangt, was ihr seid, damit ihr werdet, was ihr empfangt: Leib Christi.“ (serm. 272)
Warum wir diesen Wandel brauchen, schreibt Paulus in seinem Brief an die Römer: „Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes.“ (Röm 8,19) Was das bedeutet, ist mir in der folgenden Geschichte klar geworden: „In einem Bergdorf erzählte man sich die Legende von einem weisen Mann, der eines Tages in das Dorf kommen werde. Dieser Mann werde ein großer Wohltäter sein und unvergesslich Gutes tun. Seine Gesichtszüge würden jenen Linien gleichen, die sich am Felshang oberhalb des Dorfes abzeichnen. In jenem Dorf lebte auch ein sechsjähriger Junge. Der war von der alten Legende so fasziniert, dass er oft am Fenster seines Zimmers stand und zum Felsengesicht im Berg hinaufblickte. Manchmal hielt er anscheinend unvermittelt inne und betrachtete die vom Wetter gemeißelten Gesichtszüge. Der Junge wuchs heran und war bei den Leuten sehr beliebt, denn er war gütig und hatte ein Herz für jeden. Eines Tages ging er – wie so viele Male und Jahre zuvor – über den Markt. An diesem Tag erkannten ihn die Dorfbewohner, wie sie ihn bis dahin nicht kannten. Glichen seine Gesichtszüge den Linien im Fels?
Kaplan Marko Dutzschke, Cottbus