16.01.2014

Anstoß 3/ 2014

Vorbilder

Der Komiker Karl Valentin beschrieb einmal ein pädagogisches Grundprinzip: „Sie brauchen Kinder nicht zu erziehen, sie machen einem sowieso alles nach.“

Vorbilder sind ungemein wichtig in der Erziehung von Kindern. Unsere Entwicklung hört aber mit dem Verlassen des Kindesalters nicht auf. Das Leben kennt keinen Stillstand. Erst der Tod beendet unsere Entwicklung. Vorbilder brauchen wir Menschen damit lebenslang.
Das gilt auch für unseren Glauben. Die Heiligen sind hierin die Vorbilder für uns. Sie haben in ihrer Beziehung zu Gott Meisterschaft erlangt. Die Heiligen sind die Vorbilder für unser geistliches Lebens. Doch wenn wir ihre Lebensbeschreibungen lesen, stoßen wir oft nur auf ihr tugendhaftes Leben. Es hat dann oft den Anschein, dass das das Eigentliche ist. Der heilige Franziskus als reicher Lebemann beispielsweise, der sich freiwillig von seinem Reichtum trennt. Oder Mutter Teresa, die sich aufopfernd um Kranke und Sterbende in Kalkutta kümmert, die von ihrer Umwelt nur noch als Abfall behandelt wurden.
Dabei tritt ein wenig in den Hintergrund, dass die Tugenden der Heiligen ein sekundäres Phänomen sind. Primär sind sie Glaubende, die ihre Gotteserfahrung so überwältigt hat, dass sie ein unerschütterliches Gottvertrauen für ihr Leben entwickelten. Die Begegnung mit Gott ist das Eigentliche für diese Menschen. Ihre Tugenden sind Ergebnis ihres geistlichen Lebens. Das galt und gilt zu allen Zeiten.

Tugenden spielen für das Funktionieren unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle. Heute begründen sie, wie auch in der Vergangenheit, ethische Grundsätze und Werte. In einer demokratischen Gesellschaft werden diese Grundsätze und Werte aber immer hinterfragt. Entscheidend ist dann, wie diese Fragen beantwortet werden. Ohne einen Gottesbezug werden möglicherweise problematische Antworten gefunden. Mir scheint dieser Gottesbezug für eine gute menschliche Gesellschaft deshalb als sehr wichtig. Dazu braucht es aber Menschen mit einem reifen oder wenigstens reifenden Glauben.
Dieser Glaube kann sich wandeln, ohne dass er seinen Kern verliert. Wir Menschen wandeln uns ja auch, ohne dass wir unseren Kern als Person verlieren.

Dieser reifende Glaube ist deshalb für die religiösen Menschen ungemein wichtig. Und dafür brauchen wir Vorbilder, Zeugen oder geistliche Meister, die uns den Weg zur Erfahrung Gottes zeigen können. Mir gefällt hier die Biographie von Teresa von Avila, die erst nach 25 Ordensjahren einen Weg gefunden hat, Gott zu erfahren. Es ist also nie zu spät, auf die Suche nach Gott zu gehen. Denn ohne Gotteserfahrung, wie auch immer die aussieht, können wir nicht wirklich glauben.
Dominikanerpater Ralf Sagner, Leipzig