19.03.2015

Erst einmal Demokratie lernen

Vor 25 Jahren – das Ende der Runden Tische

Berlin. Am 18. März 1990 fanden in der DDR die ersten freien Wahlen statt. Damit endete auch die Zeit der „Runden Tische“. Diese Orte der Mitsprache der Opposition gab es in vielen Orten, Kreisen und Bezirken. In Berlin tagte der Zentrale Runde Tisch. Und es gab auch einen Runden Tisch der Jugend. Dort war der Berliner Pfarrer Rainer Lau dabei.

Pfarrer Rainer Lau war zu Ende der DDR-Zeit Jugendseelsorger in Berlin und saß damals am Runden Tisch der Jugend. Heute ist er Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde Salvator in Berlin-Lichtenrade und Dekan im Dekanat Tempelhof-Schöneberg (Berlin). Foto: Walter Wetzler


Als das Zentralratsgebäude der Freien Deutschen Jugend (FDJ) besetzt wurde, war Pfarrer Rainer Lau dabei. Als Diözesan-Jugendseelsorger für den Ostteil des Bistums Berlin saß er auch am Runden Tisch der Jugend und wollte als Hausbesetzer verhindern, dass die FDJ-Funktionäre die Immobilie und das Inventar versilbern. Schließlich sollte das FDJ-Zentralratsgebäude für die Jugend in Berlin erhalten bleiben. Doch das ist bei Weitem nicht alles, was Pfarrer Lau zur Zeit der Friedlichen Revolution erlebte.

Kein Friedensgebet am 7. Oktober
Noch bevor es zum Runden Tisch der Jugend kommen konnte, musste sich Lau mit Widerständen auseinandersetzen. „Die Berliner Bischofskonferenz hatte beschlossen, dass sich die katholische Kirche aus allem heraushält“, erinnert sich Pfarrer Lau. „Damit waren wir zur Untätigkeit verdonnert.“ Oder besser gesagt: Zur konspirativen Arbeit. Doch im Oktober 1989 gab es dann immerhin Grünes Licht für Friedensgebete und dafür, dass Kirchen ihre Räume für Versammlungen öffnen durften. „Gemeindemitglieder aus der Herz-Jesu-Gemeinde in Berlin-Prenzlauer Berg wollten daraufhin am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, in der Hedwigskathedrale ein Friedensgebet abhalten. Doch das Domkapitel lehnte ab, weil ihm die Kathedrale zu nah am Brandenburger Tor war“, berichtet Pfarrer Lau. „Bei der Mitarbeiterversammlung im Bischöflichen Ordinariat am nächsten Werktag, einem Montag, haben wir dann erst einmal Stunk gemacht. Berlins damaliger Bischof Georg Sterzinsky ist auf unserer Seite gewesen und wollte nun auch, dass wir in die Friedensgebete einsteigen. Schon am Montag darauf, am 16. Oktober, gab es das erste Friedensgebet in St. Hedwig und im Anschluss eine Demo. Bei der evangelischen Gethsemane-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg gab es schon seit Wochen solche Gebetstreffen. Es war verabredet, dass wir uns nach unseren Gebets­treffen von beiden Kirchen aus aufmachen Richtung Alexanderplatz.“
Nicht allen Teilnehmern am ersten Friedensgebet in St. Hedwig war das geheuer. Die Angst war nicht unbegründet. Wenige Tage vorher kam es noch zu zahlreichen „Zuführungen“, also Verhaftungen, wegen der Proteste am 40. Jahrestag der DDR. „Im Jugendpfarramt haben wir Augenzeugenberichte von den Demonstrationen nach dem 7. und 8. Oktober 1989 aufgeschrieben“, erzählt der Pfarrer. Wer zugeführt wurde, berichtete hinterher davon, dass er sich stundenlang nicht setzen durfte und an einer Wand stehen musste, teilweise wurden die Verhafteten auch geschlagen.
Aus dem Runden Tisch der Jugend entstand der demokratische Jugendbund, in dessen Vorstand Pfarrer Lau gewählt wurde. „Die Jugendlichen sollten sich jetzt, nach dem Fall der Mauer um ihre Interessen kümmern, aber das konnten sie ja gar nicht“, erinnert sich Pfarrer Lau. „Wir schlugen auch vor, christliche Jugendverbände in der DDR zu etablieren, aber da kamen sofort Assoziationen zur FDJ hoch.“ Dennoch gründete die katholische Jugend eine Interessensvertretung – ähnlich dem Bund der deutschen katholischen Jugend (BDKJ). „So waren wir zwar fähig, Interessen zu vertreten, aber immer noch war keiner von uns geschult in Sachen Demokratie.“ Eigene Entscheidungen treffen – wie geht das? Eine Koalition – was ist das?

„Demokratie hat etwas mit Geld zu tun“
Tatsächlich half hier der BDKJ-Vorstand aus West-Deutschland. Er schickte Kursleiter nach Alt-Buchhorst bei Berlin. Sie lehrten Jugendliche wie Erwachsene in Sachen Demokratie. „Demokratie hat etwas mit Geld zu tun“, antwortet Pfarrer Lau auf die Frage, was er selbst bei diesen Kursen gelernt hat. „Projekte werden nicht deswegen gefördert, weil die Projektverantwortlichen besonders enthusiastisch, engagiert oder idealistisch sind, sondern weil schon andere Geldgeber investieren.“ Ein sehr negatives Aha-Erlebnis zum Thema Demokratie. Gab es für Pfarrer Lau denn nichts Positives? Er überlegt lange, bevor er antwortet: „Wir haben die Fähigkeit, die Angst zu überwinden. Wir können frei sein.“  
Ein Ostalgiker ist er nicht. Aber Pfarrer Lau gehörte 1990 zu denjenigen, denen die Einheit zu schnell voranschritt. Die DDR hätte sich seiner Meinung nach lieber zunächst als demokratischer Staat festigen sollen und dann erst gleichberechtigt an die Bundesrepublik angleichen sollen. „Doch schon ein Jahr später war mir klar, dass das unter den geopolitischen Verhältnissen so schnell gehen musste“, sagt der heute 64-Jährige. „Hätten wir noch länger gewartet, hätten wir die Einheit verpasst. Da war es schon besser, dass die Einheit mit der heißen Nadel gestrickt wurde.“
Doch der junge Lau hatte zum 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung Deutschlands, das Gefühl, fliehen zu müssen: Vor den ganzen Umbrüchen. Und so verbrachte er den 3. Oktober, den Tag, für den er mit gekämpft hat, bei einer Freundin in Italien.

Hintergrund: Der zentrale Runde Tisch in der DDR
Darauf, dass hier Geschichte geschrieben werden sollte, war das evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Berlin – nur einen Steinwurf entfernt vom Friedrichstadt-Palast – nicht vorbereitet. Der große Saal war überfüllt, das Gedränge von Journalisten und Kameraleuten groß, als sich hier am 7. Dezember 1989 unter dem Herrnhuter Stern erstmals Vertreter der noch in der DDR herrschenden Kräfte und der neuen Oppositionsgruppen am „Runden Tisch“ versammelten.
Eigentlich war der Tisch nicht rund; die zunächst 14 Vertreter der „Volkskammer“-Parteien und 15 Vertreter der jungen politischen Kräfte saßen sich an einer langen Tafel gegenüber. An deren Kopf leiteten evangelische und katholische Pfarrer die Beratungen.
Der „Runde Tisch“ nach dem Vorbild Polens, zu dem der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR, die katholische Berliner Bischofskonferenz und die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der DDR eingeladen hatten, markierte einen Wendepunkt in der rapiden Entwicklung von der SED-Diktatur zur Demokratie.
Gerade einmal zwei Monate vorher, am 7. Oktober, hatte Erich Honecker noch in einer gespenstischen Inszenierung das 40-jährige Jubiläum des „Arbeiter- und Bauernstaates“ zelebriert. Zwei Tage danach scheiterte die vorbereitete Niederschlagung der Montagsdemonstration in Leipzig, weil die 70 000 Teilnehmer von den Staatsorganen nicht mehr zu beherrschen waren. Am 18. Oktober wurde Honecker gestürzt, am 9. November die Mauer geöffnet , und am 3. Dezember war Honecker-Nachfolger Egon Krenz mit seinem Latein am Ende. Es war höchste Zeit, die widerstreitenden Kräfte miteinander ins Gespräch zu bringen.
Diese Aufgabe fiel wie von selbst den Kirchen zu. Vor allem die Protestanten hatten lange den oppositionellen Kräften einen Schutzraum geboten. Die von allen Kirchen getragene Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung hatte mit ihren Reformforderungen am 30. April dem damals noch kaum zu ahnenden Prozess eine Art theoretisches Rüstzeug mit auf den Weg gegeben. In den teilweise turbulenten Auseinandersetzungen des Herbstes waren es vielerorts die Bischöfe und Pfarrer, die zur Deeskalation beitrugen.
Der „Runde Tisch“ sollte nun einen geordneten Übergang gewährleisten. Die wohl wichtigste Entscheidung der ersten Sitzung war die Festlegung eines Termins für die ersten freien Wahlen. Außerdem beschloss der „Runde Tisch“ einstimmig die Aufforderung an die Regierung, das „Amt für Nationale Sicherheit“, also den Geheimdienst, „unter ziviler Kontrolle aufzulösen“. Dass unter den Vertretern der Oppositionsgruppen gleich mehrere inoffizielle Mitarbeiter der Stasi am „Runden Tisch“ saßen, wie sich bald darauf herausstellte, hatte dies nicht verhindert.
Die Friedliche Revolution war von nun an unumkehrbar. Vertreter der Opposition traten in eine Übergangsregierung ein. Das Bonhoeffer-Haus erwies sich bald als zu klein. Vom 27. Dezember an bis zur letzten Sitzung am 12. März 1990 tagte der „Runde Tisch“ im Konferenzgebäude des Ministerrats der DDR in Pankow.
Die Kirchen saßen bewusst nicht mit einer eigenen Fraktion am „Runden Tisch“, hatten aber Beobachter entsandt, darunter der spätere Sächsische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst und Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Joachim Meyer. Der katholische Moderator des Gremiums, Karl-Heinz Ducke, bezeichnete den „Runden Tisch“ im Rückblick als Beitrag zum Lernen von Demokratie. „Der ‚Runde Tisch‘ war eine Krisensitzung und insofern hat er seine Aufgabe erfüllt.“ (kna)

Von Alexandra Wolff