23.04.2012

Anstoss 16/2012

Vom Verschlafen und Weckrufen

Wer bei wichtigen Dingen von Müdigkeit übermannt wird, befindet sich in guter Gesellschaft. Denn auch die Bibel berichtet von verschlafenen Typen.

In einer der entscheidenden Geschichten der Bibel sind die Jünger Jesu die verschlafenen Typen. Im Garten Gethsemane will Jesus nach dem Abendmahl beten und bittet seine Jünger wach zu bleiben. Doch nach dem ausgiebigen Mahl werden sie müde und schlafen ein. Erst als Soldaten kommen, um Jesus festzunehmen, werden sie unsanft geweckt.
Es ist eine allzu trügerische Sicherheit, die die Jünger einschlafen ließ. Der Herr ist ja bei ihnen. Und dabei merken sie nicht, dass sie die entscheidende Stelle verschlafen. Ihre Sinne sind nicht geschärft, Gott wird es ja schon richten. Auch heute scheinen wir manche möglicherweise göttlichen Anstöße verschlafen zu wollen. Warum sehen wir nicht im schon jahrzehntelang andauernden europaweiten Priestermangel ein Zeichen des heiligen Geistes? Wieso stören uns die in unseren Breiten immer geringer werdenen Taufzahlen anscheindend recht wenig? Weshalb freuen wir uns so wenig darüber, dass die unchristlichen Menschen um uns herum in der Regel nicht schlechter sind als wir? Und wieso ärgert es uns nicht viel mehr, dass die Ökumene seit einiger Zeit auf der Stelle tritt?
Will uns Gott damit vielleicht auch etwas deutlich machen? Könnte dieser Weckruf für uns heute heißen: „Nehmt euch nicht ganz so wichtig. Schließlich ist meine Botschaft für alle Menschen. Versucht auch ein paar neue Wege. Riskiert mal was!“
Verschlafen ist das eine – Wach werden das andere. Wenn Bischof Wanke aus Erfurt von Rauhreif in der Kirche spricht, sind damit sicher auch die Themen gemeint, über die nicht laut gedacht und gesprochen werden kann, will man nicht in Gefahr geraten, von manchen gleich als unkatholisch hingestellt zu werden. Und in diesem Klima ist dann vom liebenden und verzeihenden Gott wenig zu spüren. Nur ist es in diesem kalten Klima auch ganz schön weit bis zum lieben Gott.
Gestehen wir uns doch in unseren Gemeinden und auch in der Weltkirche manche unterschiedliche Wege zu. Einheit in Vielfalt ist ein grundkatholisches Verständnis und sollte wenig Angst machen. Wer Gott etwas zutraut darf darauf vertrauen, dass die unmöglichste Geschichte mit einem grandiosen Finale die Tür zu etwas Neuem aufstößt.
Zu diesem Abenteuer ja und Amen zu sagen, bedarf eines wachen Glaubens, der Gott auch Überraschungen zutraut und nicht alles beim Alten lässt.
Guido Erbrich, Roncalli-Haus, Magdeburg