23.08.2012

Anstoss 33/2012

Vom Leben ausgehen

Die Olympischen Spiele 2012 sind vorbei und wir haben das Ziel nicht erreicht.

Der Deutsche Olympische Sportbund hatte hohe Erwartungen an die deutschen Athleten. 86 Medaillen darunter 28 goldene sollten es in London eigentlich werden. Zu dieser Vorgabe, die ich eher von der Kommunistischen Partei in China erwartet hätte, passt ein Radiobeitrag, den ich vor ein paar Tagen gehört habe. Es ging um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Leistungsdenken im Hochleistungssport. Eigentlich ist nichts dagegen zu sagen. Menschen brauchen Ziele, die sie fordern und zu besonderen Leistungen anspornen. Gefährlich wird es erst, wenn das Leben auf ein einziges Ziel zusammenschrumpft. Was kommt danach?

Ich muss kein Leistungssportler sein, um den Gedanken zu verstehen. Viele Menschen setzen sich Ziele, auf die sie ihr ganzes Leben konzentrieren. Schüler erwarten alles von dem Tag, an dem sie das Abitur in der Tasche haben. Junge Familien erwarten alles von dem Tag, an dem sie in die eigenen vier Wände einziehen können. Wieder andere glauben, das Leben beginnt mit dem letzten Arbeitstag und der Renteneintritt wird zum Ziel aller Wünsche. Und dann? Dann geht das Leben immer noch weiter.

Es ist wie mit einem Esel, der hinter einer Mohrrübe herläuft, die ihm der Kutscher mit einer Rute vor die Schnauze hält. Solange er die Mohrrübe vor Augen hat, geht er weiter. Gnade Gott, der Esel bekommt das Gemüse zu fassen, dann bleibt der Karren mitten auf dem Weg stehen. Wir Menschen sind keine Esel und doch benehmen wir uns manchmal so.

Wenn wir Christen uns Jesus Christus zum Vorbild nehmen, folgen wir einer anderen Idee. Bei ihm schrumpft das Leben nicht auf ein Ziel zusammen, dem wir hinterher laufen müssten. Im Gegenteil, Jesus sagt: „Wer glaubt, hat das ewige Leben.“ (Johannes 6,47) Wir brauchen dem Leben nicht hinterher zu laufen, wir gehen in jedem Augenblick vom lebendigen Gott aus. Das ist es, was die Kirche Tag für Tag in der Eucharistie feiert.

Offenbar können viele Christen damit nichts mehr anfangen, denn es leuchtet immer weniger Gläubigen ein, warum sie die Eucharistie feiern sollen. Ich bin regelmäßig überrascht, wie erstaunt Schüler sind, wenn ich ihnen erzähle, dass wir in der Kirche jeden Tag die heilige Messe feiern. „Warum macht ihr das denn?“ Ich würde sagen, um dem zu begegnen, der uns in jedem Augenblick mit Leben beschenkt, der sagt: „Ich bin das lebendige Brot.“ Die Begegnung mit Christus hilft, unsere Ziele und Herausforderungen nicht mit dem Leben zu verwechseln. Denn ob wir unsere Ziele erreichen oder nicht, hinterher sind wir immer noch am Leben.

Kaplan Marko Dutschke, Cottbus