26.02.2014

Anstoß 9/ 2014

Verzicht

Alles soll machbar und verfügbar sein oder werden. Das ist zum Ideal unserer Gesellschaft geworden. Die Erreichbarkeit in der Freizeit wird vom Chef immer öfter erwartet. Die Grenze zwischen Freizeit, Muße und Arbeit löst sich so langsam auf.

Krankheiten sollen heilbar oder vermeidbar sein. Das eigene Leben soll aber auch einfach enden oder sogar beendet werden können, wenn es nicht mehr erträglich ist. Leben scheint zunehmend nur noch wertvoll und lebenswert, wenn es gesund ist. Was Gesundheit eigentlich ist, weiß aber auch niemand wirklich genau. Gesundheit wird trotzdem zum höchsten Gut mit dem entsprechenden Anspruch darauf.

Für den Konsum soll es alles geben. Die eigenen vier Wände braucht man nicht mehr zu verlassen, da das Internet Konsum allverfügbar macht. Die Schneckenpost war gestern. Per Amazondrohne kommt das Gewünschte eine Stunde später vor die Haustür geschwebt. Was im Moment noch nach Vision klingt, bleibt wahrscheinlich nur Fiktion. Aber die Richtung ist vorgegeben. Ein Limit des Konsums wird nicht akzeptiert. Das eigene Budget und die verfügbare Zeit sind zwar Grenzen. Aber auch da gibt es Lösungen. Es muss eben alles billiger und schneller werden.

Freiheit wird damit interpretiert als die unmittelbare Durchsetzung von Ansprüchen auf alles. Die Beschränkung kommt in diesem Ideal nicht mehr vor oder wird als Zumutung empfunden. Beschränkung wird damit Beschneidung der Freiheit. Verzicht war gestern.

Siegmund Freud hätte seine Freude an der Analyse unserer Gesellschaft. Freud identifizierte den Triebverzicht als wichtigen Kulturfaktor. Die Fähigkeit zum Verzicht macht den Menschen erst zum Kulturwesen und hebt ihn aus dem Tierreich. Dabei geht es um eine Balance zwischen Ausleben von Trieben und dem Verzicht darauf. Bewusste Beschränkung, sinnvoller Verzicht ist eine willentliche Leistung, die nur der Mensch leisten kann.
Unsere Kultur bedarf des Verzichtes, ja vielleicht sogar der Askese. Ihre Gegenspieler Habgier und Maßlosigkeit gehören in der christlichen Tradition zu den Wurzeln aller menschlichen Abgründe. Die Finanzkrise im Jahre 2008 illustrierte das nachhaltig.

Die kommende Fastenzeit könnte der Anlass sein, Verzicht zu üben. Denn Übung macht den Meister, wie es so schön heißt. Dabei ist Verzicht nicht nur eine fromme Übung. Verzicht oder Fasten wird früher oder später überlebensnotwendig. Ohne Übung werden wir das wohl nicht hinbekommen. Fasten hat neben der spirituellen Dimension eine ganz irdische Dimension, weil wir damit eine Haltung einüben, die uns Menschen überlebensfähig macht. Pater Ralf Sagner OP