17.03.2012

Anstoss 11/2012

Vertrauen darauf, dass das Leben Mängel ausgleicht

Viele junge Männer, die in der DDR Theologie studieren wollten, kamen nicht drum herum, im Magdeburger Norbertuswerk Latein, Griechisch, Deutsch, Mathe und andere schöne Abiturfächer zu pauken.

Der Schulalltag im Norbertuswerk in Magdeburg war außergewöhnlich, denn die Schulbank drückten Männer, die meist einen Beruf hatten und im Leben ihren Mann gestanden hatten. Auf der anderen Seite des Katheders standen  Lehrer, die man getrost Originale nennen konnte. Salopp gesagt, es war wie  in der „Feuerzangenbowle“ und die Rollen waren gut besetzt: Es gab die Gestrengen, die mit penibler Genauigkeit auf Fehler warteten. Da gab es die Gelehrten, die all die schönen Dinge beibrachten, die in der DDR Schule vergessen wurden, es gab die Großmütigen, die über Fehler nachsichtig hinweg sahen und die Geduldigen, die selbst dem müdesten Geist helle Momente bescherten.

Und es gab Lehrer, die die Tore der Welt weit aufstießen, dass einem Schüler vor Staunen der Mund offen stehen blieb. Eines dieser Originale war Wolfgang Hradsky. Mir versuchte er Latein beizubringen und ich lernte bei ihm ein Menge.  Allerdings nicht so sehr in der alten Sprache, sondern vor allem darüber, wie Kunst und Literatur unsere Welt zum Göttlichen führen kann. Wolfgang Hradsky war ein Genie ohne Ällüren und ein liebenswertes Unikum obendrein. Das Kursbuch der Bahn konnte er auswendig, sprach mehrere Sprachen nahezu fließend und hat wohl jedes ernstzunehmende Buch der Weltliteratur gelesen. Die Hälfte seines Unterrichtes erzählte er von diesen wichtigen Dingen des Lebens. Wenn er etwas verachtete, war es hohles Pathos und geistloses Geplapper, aber er war weise genug, nicht erhaben über den Dingen zu schweben. Bei allem Können machte er sich nicht zum Maß aller Dinge und endlich sind wir bei dem Punkt, den wir bei diesem Anstoß lernen sollen: „Nimm dich nicht so wichtig und sei gnädig mit den Schwächen anderer.“

Er hatte  überhaupt kein Interesse daran, jemanden ins Benotungsmesser laufen zu lassen. Und wahrscheinlich hat gar mancher bei ihm die Prüfung bestanden, der anderswo gnadenlos eingebrochen wäre. Dazu hat er seine Schüler viel zu sehr gemocht. Einmal im Jahr lud er die ganze Bande zu sich nach Hause ein, wo seine Frau den besten Erdbeerkuchen der Welt zu Versen der göttlichen Komödie servierte.

Wenn es für Gottes Barmherzigkeit eines Beweises bedarf, sind es Menschen wir Wolfgang Hradsky. Menschen, die darauf vertrauen, dass das Leben die Mängel unbegabter Schüler schon wieder ausgleicht.

Als ich am Tage der Abschlussprüfungen wider alle Hoffnung nicht in Latein antreten musste und ihn dann beim Abschlussfest vorsichtig fragte, wie ich dies verdient hätte, schnarrte er: „Mein liebär Freund, schließlich will ich Sie und schließlich wolln Se mich in guter Erinnerung behalten.“ So  lächele ich heute dankbar nach oben, wo der schrullig-geniale  Pauker sicher gerade dem lieben Gott ein paar ausgefallene lateinische Formen nahe bringt.

Guido Erbrich, Roncalli-Haus Magdeburg