21.10.2016

Vietnamesische Katholiken in Leipzig

Vertragsarbeiter und Boat people

Leipzig. Vietnamesische Katholiken aus dem Großraum Leipzig haben vor anderthalb Jahren in der Pfarrkirche Heilige Familie im Leipziger Stadtteil Schönefeld ein Zuhause gefunden. Einmal im Monat feiern sie hier seither mit dem Dresdner Jesuitenpater Stefan Taeubner heilige Messe in ihrer Muttersprache.

Um den Altar versammelt beten Kinder mit Pater Stefan Taeubner SJ. Der Pater ermuntert Kinder und Erwachsene immer wieder, sich auch in den deutschsprachigen Gemeinden einzubringen.

Festlich wie zu einer Hochzeit sieht es am Nachmittag des 16. Oktobers in der katholischen Kirche von Schönefeld aus: die meisten Frauen und Mädchen tragen farbenfrohe lange Kleider, und selbst  kleine Jungen sind mit weißem Hemd und Fliege herausgeputzt.
Ganz so feierlich geht es sonst nicht zu, wenn sich katholische Vietnamesen aus Leipzig, Halle, Bitterfeld, manchmal sogar aus Altenburg oder Chemnitz, hier zum Gottesdienst versammeln. Die vietnamesischen Katholiken feiern die Muttergottes von La Vang. Das Nationalheiligtum im Zentrum Vietnams war während des Vietnamkriegs komplett zerstört worden. Zurzeit wird die Wallfahrtskirche wieder aufgebaut. Die vietnamesische Gemeinde in Leipzig hat eine hölzerne Kopie der Wallfahrts-Madonnenfigur geschenkt bekommen. Die Vietnamesen sind glücklich darüber, dass die Schönefelder Katholiken  dieser Figur einen dauerhaften Platz in einer Seitennische der von Friedrich Press mit abstrakten Kunstwerken gestalteten Kirche eingeräumt haben. Zu ihren Gottesdiensten können sie die Statue nun in den Altarraum rücken. Die Muttergottes von La Vang ist für sie ein Stück Heimat in der Fremde, ebenso wie die Gebete und die von einem kleinen Chor angeleiteten Gesänge in ihrer Sprache und ihre besonderen Riten.

Zu besonderen Festtagsgottesdiensten gehört bei den vietnamesischen Katholiken eine feierliche Gabenprozession, bei der mit Brot und Wein auch Früchte, Blumen und Räucherstäbchen vor den Altar gebracht werden.

Freudiger Gottesdienst mit Gesang und Prozessionen  
Die Gabenprozession des heutigen Gottesdienstes ist nur an besonderen Festtagen zu erleben: Einige Frauen und Jugendliche bringen nach Brot und Wein auch Räucherstäbchen, Obst und Blumen vor den Altar. Pater Stefan Taeubner, deutschlandweit der einzige Nicht-Vietnamese unter den Vietnamesen-Seelsorgern, nimmt die Gaben mit einer kleinen Verneigung entgegen, die Handflächen hat er dabei aneinandergelegt.
In leicht singendem Tonfall, der für die wenigen deutschen Gäste nicht von der Sprechweise der Muttersprachler zu unterscheiden ist, trägt er die liturgischen Texte vor, predigt frei und kommt nach dem Gottesdienst bei einem Imbiss unbefangen mit den Gottesdienstteilnehmern ins Gespräch. Obwohl der Pater Land und Sprache bereits seit Jahrzehnten liebt, wird Vietnamesisch für ihn doch immer eine Fremdsprache bleiben, vermutet er. Dass die Bedeutung eines Wortes sich mit dem Tonfall und der Tonhöhe ändert, sei für Deutsche schwer. „Doch die Vietnamesen sind sehr großzügig“, erzählt Pater Taeubner, „sie honorieren es, wenn sich ein Ausländer mit ihrer Sprache Mühe gibt.“

Viele entdecken ihren Glauben jetzt neu
So wie Pham Tang, der Mitte der 70er Jahre für drei Jahre als junger Facharbeiter für Papier in Leipzig arbeitete, sind die meisten von Stefan Taeubners Gemeindemitgliedern ehemalige DDR-Vertragsarbeiter aus dem kommunistisch geprägten Nordteil des Landes. Pham Thang kehrte 1988 mit seiner Familie zurück nach Deutschland, lebte lange in Stuttgart, bis es ihn wieder nach Leipzig zog. Anders als die meisten seiner Landsleute betreibt er keinen Textilhandel, keinen Asiaimbiss oder ein anderes Kleinunternehmen, sondern ist bei einer Windkraft-Firma angestellt.
Er fühlt sich wohl in der St.-Georgs-Gemeinde im Leipziger Stadtteil Gohlis und besucht dort regelmäßig die deutschsprachigen Gottesdienste, engagiert sich zugleich aber im Gemeinderat der katholischen Vietnamesen. Über die Gelegenheit, einmal im Monat im Nachbar-Stadtteil Schönefeld die Messe auf vietnamesisch mitzufeiern, freut er sich nicht nur für sich selbst. Er sieht die muttersprachlichen Gottesdienste als gute Gelegenheit, den Heranwachsenden etwas von der eigenen Kultur nahe zu bringen.
Zudem erlebt er, dass sich viele Landsleute ansprechen lassen, die zwar als Kinder in Vietnam getauft wurden, dann aber keinen weiteren Kontakt zu ihrer Kirche pflegten. Häufig bringen sie ihre buddhistischen Angehörigen mit. Eine ältere Buddhistin ist am 16. Oktober allein nach Leipzig-Schönefeld gekommen. Ihr verstorbener Mann war getauft. Auch wenn er selbst nie in die Kirche gegangen ist, möchte sie ihm an seinem Todestag mit christlichen Ritualen Ehre erweisen.

Die Mitglieder der vietnamesischen Gemeinde sind froh, seit dem Sommer eine Statue der Madonna von La Vang in ihrer Mitte zu haben. Am Ende des Gottesdienstes zeigen sie der Muttergottes ihre Ehrerbietung, indem sie sich vor der Statue verneigen und eine Rose niederlegen. Fotos: D. Wanzek

Muttergottes von La Vang symbolisiert Einheit
Noch bemerkenswerter als das harmonische Zusammenleben zwischen Christen und Buddhisten findet Pater Stefan Taeubner das Miteinander von ehemaligen DDR-Vertragsarbeitern und so genannten Boat people, die in den 80er Jahren nach der Vereinigung des zuvor geteilten Landes aus Südvietnam flohen und in der Bundesrepublik Aufnahme fanden. Einige der Nordvietnamesen haben als Soldaten der kommunistischen Volksarmee gegen die Südvietnamesen gekämpft. Keine einfache Voraussetzung für ein harmonisches Gemeindeleben. Dennoch gelingt es unter den ostdeutschen Katholiken, als Gemeinschaft zusammenzuhalten. Als Symbol dafür gilt ihnen die Muttergottes von La Vang, die seit dem 19. Jahrhundert Wallfahrtsziel für Vietnamesen aus allen Teilen des Landes war und Ausdruck einer tiefen Volksfrömmigkeit ist, die bis heute lebendig ist, durch  Zeiten der Verfolgung und trotz großer politischer Spannungen.

Glaube hilft dabei, in zwei  Kulturen zu leben
In Westdeutschland hingegen haben die Katholiken aus Nord- und Südvietnam bisher noch nicht zueinander gefunden. Bei den jährlich stattfindenden großen vietnamesischen Katholikentagen bleiben die Boat people weitgehend unter sich. Unter buddhistischen Vietnamesen ist es in Deutschland üblich, das traditionelle Tetfest zur Begrüßung des neuen Jahres nach Nord- und Südherkunft getrennt zu feiern. „Unsere Religion hat aber das Potenzial, Gräben zu überwinden“, ist Pater Taeubner überzeugt. Dazu gehören für ihn auch die kulturellen Brüche, die besonders die Jugendlichen durchleben. Die jungen Vietnamesen haben das große Bedürfnis, unter gleichaltrigen Deutschen voll und ganz dazuzugehören und betonen deshalb sehr, dass sie sich als Deutsche fühlen – oft zur Enttäuschung ihrer Eltern.
Wenn der Viatnamesenseelsorger Familien zu Hause besucht, versucht er den Heranwachsenden deutlich zu machen: „Ihr seid Deutsche, aber ihr seid auch Vietnamesen, und das ist ein großer Reichtum.“ Für solche Gespräche und Hausbesuche wünscht er sich mehr Zeit. Zu rund 200 vietnamesischen Katholiken auf dem weiten Leipziger Gemeindeterritorium hat er bisher Kontakt – persönlich und auch über Medien-Netzwerke wie Facebook. Die monatlichen Gemeinde-Ankündigungen zum Beispiel stellt er regelmäßig ins Netz.

Hintergrund
Deutschlandweit gibt es elf Seelsorgebezirke für vietnamesische Katholiken.
In Sachsen begann Mitte der 90er Jahre der Steyler Missionar Duc Vinh Nguyen von Dresden-Cotta aus vietnamesische Katholiken zu sammeln. Er selbst war als Bootsflüchtling nach Deutschland gekommen. Seit er 2001 Dresden wieder verließ, gab es keinen Vietnamesenseelsorger mehr für Sachsen und benachbarte Regionen, bis der Jesuitenpater Stefan Taeubner SJ diese Aufgabe vor zwei Jahren übernahm. Zuvor war er 18 Jahre lang Berliner Vietnamesenseelsorger. Heute ist er verantwortlich für die kleinere Dresdner und die größere Leipziger Gemeinde.

Von Dorothee Wanzek