03.11.2016

Engagement für die Aussöhnung mit Polen

Versöhnung gegen Widerstände

Magdeburg (ep). Magdeburger Aktivitäten im Anliegen der Versöhnung zwischen Polen und Deutschen waren Thema einer Tagung der Anna-Morawska-Gesellschaft. Sie fand im Zusammenhang mit einer Ausstellung zur Geschichte der Deutsch-Polnischen Versöhnung in Magdeburg statt.

Der polnische Historiker und Ausstellungs-Kurator Robert Zurek stellte den Tagungsteilnehmern die in der Magdeburger St.-Petri-Kirche präsentierte Wanderausstellung  „Pojednanie-Versöhnung - In Progress“ persönlich vor. Foto: Anna-Morawska-Gesellschaft


Am 12. April 1990 gab die erste frei gewählten Volkskammer der DDR eine damals eher weniger beachtete Erklärung ab. Darin bekannten sich die Fraktionen des Parlaments zur Schuld der Deutschen in der Zeit des Nationalsozialismus gegenüber den Juden, den Völkern der Sowjetunion, dem polnischen Volk und den Sinti und Roma und zur daraus resultierenden Verantwortung in Gegenwart und Zukunft. Zudem war in der Erklärung  von der Bereitschaft zur Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und auch vom Dank gegenüber den Freiheitsbewegungen in Polen, Tschechien und Ungarn, die zur friedlichen Revolution in der DDR ermutigt hatten, die Rede.
„Diese Erklärung sehen wir auch als ein Ergebnis der friedlichen Revolution, zu dem die Christen in der DDR einen nicht unwesentlichen Beitrag geleistet haben“, ist der Vorsitzende der Anna-Morawska-Gesellschaft, Propst i. R. Dr. Gerhard Nachtwei, Halle, überzeugt. Bei einer Tagung der Gesellschaft im September in Magdeburg ging es um einen solchen von Christen lange vor 1989 begonnenen und geleisteten Beitrag, konkret um das Engagement für die Versöhnung mit dem polnischen Volk nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Austausch und gemeinsames geistliches Tun
Die Tagung fand im Zusammenhang mit der Präsentation der Wanderausstellung „Pojednanie-Versöhnung - In Progress“ des Maximilian-Kolbe-Werkes zum Prozess der Deutsch-Polnischen-Versöhnung statt. Sie war anlässlich des 50. Jahrestages des Briefwechsels der polnischen und deutschen Bischöfe 2015 unter Leitung des polnischen Historikers Robert Zurek erarbeitet worden. Sie wurde im September auf der Huysburg und in Magdeburg gezeigt und war auch schon beim Katholikentag in Leipzig zu sehen gewesen. Zurek selbst führte die Tagungsteilnehmer in Magdeburg durch die Ausstellung.
Der in der ersten Hälfte der 1960er Jahre begonnene Versöhnungsprozess hatte seine Vorgeschichte nicht zuletzt auch in Magdeburg: Zwei Pioniere der Versöhnung hatten dort Kontakte nach Polen geknüpft und pflegten diese über viele Jahre: der evangelische Jurist Lothar Kreyssig (1898-1986) als Gründer der Aktion Sühnezeichen und der Leiter der katholischen Arbeitsstelle für pastorale Hilfsmittel, Günter Särchen (1927-2004) mit „Polenseminaren“ in kirchlichen Bildungseinrichtungen und Gemeinden, Pilgerfahrten nach Polen, Handreichungen und Diaserien zur Thematik.
„Während es im Western eher politische Aktivitäten im Sinne der Versöhnung gab, standen bei uns der Austausch und das gemeinsame geistliche Tun im Mittelpunkt“, erinnert sich Gerhard Nachtwei, der die Aktivitäten als Theologiestudent erlebte und 1968 in den Ferien mit seinem Kommilitonen Dieter Tautz beim Bau einer neuen Kirche im polnischen Nowa Huta mithalf. „Uns sind dort damals Menschen begegnet, die angesichts ihrer Erfahrungen in Konzentrationslagern noch tiefe innere Verwundungen mit sich trugen und zum Beispiel nie wieder ein deutsches Wort in den Mund nehmen wollten“, erinnert sich Nachtwei.
„Wallfahrten fanden statt, bei den Aktivitäten der Aktion Sühnezeichen gehörten immer das gemeinsame Mittagsgebet und andere spirituelle Impulse dazu.“ Davon berichteten bei der Tagung verschiedene Zeitzeugen. So war Rudolf Förster aus Magdeburg schon 1965 bei der ersten Fahrradwallfahrt nach Auschwitz dabei. Andere Teilnehmer erzählten, wie sie durch die Polenseminare Särchens und die Aktion Sühnezeichen mit dem Versöhnungs-Anliegen in Kontakt kamen und wie das ihr Weltbild erweiterte.
Erzbischof emeritus Henryk Muszynski aus Gniezno/Gnesen, der zur Tagung kommen wollte und wegen Krankheit kurzfristig absagen musste, ermutigte per übersandtem Gruß mit einem Wort von Papst Johannes Paul II. (am Brandenburger Tor in Berlin) dazu, den Weg der Versöhnung fortzusetzen: „Wir müssen uns anstrengen, um die alten Kräfte des Hasses und der Zerstörung zu überwinden und auf dem Weg der Verständigung und Verbrüderung der Völker voranzuschreiten.“ Von polnischer Seite nahmen neben Ausstellungsmacher Zurek (Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung) Urszula Pekala (Leibniz-Institut für Europäische Geschichte, Mainz) und Krzysztof Blau (Deutsch-Polnische Gesellschaft Sachsen-Anhalt) an der Tagung teil.

Widerstände von verschiedener Seite
Der Historiker Hans Seehase, Magdeburg, machte auf den evangelischen Beitrag zur Versöhnung mit Polen aufmerksam, aber auch auf die dort nicht zu leugnenden Schwierigkeiten, die Versöhnungsidee in die Gemeinden und die Gesellschaft hineinzutragen.
Am Vorabend der Tagung der seit 1985 bestehenden Anna-Morawska-Gesellschaft hatte Bischof emeritus Leo Nowak den Vorstand zum Gespräch eingeladen. Der Arbeitsbereich von Günter Särchen war dem Seelsorgeamt zugeordnet, das von 1975 bis 1990 von Leo Nowak geleitet wurde. Nowak erinnerte an Aktivitäten von Priestern und Laien, die mit Menschen in Polen Kontakte knüpften, sobald es möglich wurde zu reisen, und die immer wieder Zeichen der Versöhnung zu setzen versuchten. Ein solches Zeichen sei 1963 die Spende einer Glocke von Priestern aus dem Erzbischöflichen Kommissariat Magdeburg für die Kirche in Poznan-Antoninek gewesen. „Diese Spende war nach Ansicht des damaligen  Erzbischofs Antoni Baraniak (+1977) aus Poznan/Posen einer der Anstöße für den Brief der polnischen an die deutschen Bischöfe von 1965“, so Gerhard Nachtwei.
Im Gespräch mit Leo Nowak wurde auch an die Schwierigkeiten erinnert, die den Akteuren von staatlicher Seite, aber nicht nur von dort, gemacht wurden, besonders, als in Polen die Solidarnosc-Bewegung immer mehr Einfluss gewann. „Nach der Friedlichen Revolution setzte dann Leo Nowak als Bischof mit der Gründung der ,Partnerschaftsaktion Ost‘ im Bistum neue Akzente“, so Nachtwei. „Sie führten schließlich mit zur Gründung des in München-Freising ansässigen katholischen Hilfswerkes Renovabis für die Menschen in Osteuropa.“
Am Ende der Tagung hielten die Teilnehmer im Blick auf die gegenwärtigen Probleme fest: „Wir müssen besser aufeinander hören, weil wir oft vorgefertigte Meinungen haben und dann den anderen nicht wirklich verstehen. Gespräche und Begegnungen mit Menschen zu ermöglichen, bleibt weiter die wichtigste Aufgabe, um Klischees und Vorurteile abzubauen. Und wie Günter Särchen, Lothar Kreyssig und alle, die den Versöhnungsprozess in Gang gebracht und am Laufen gehalten haben, brauchen wir auch heute einen langen Atem, Geduld, dann aber auch Durchhaltekraft für die ,Versöhnung gegen Widerstände‘.“