21.05.2014

Anstoß 21/2014

Über Grenzen gehen

„Wie schreibt man eine Kolumne?“, fragte ich meine WG-Mitbewohner/innen. Diese witzelten und rieten mir, die Fernsehserie „Sex and the City“ als Inspirationsquelle zu nutzen... Vier New Yorker Frauen teilen darin ihre Liebesabenteuer, sexuellen Erlebnisse, Freundschaften ebenso wie ihre Gedanken zu fast allen Fragen menschlicher Beziehungen. Als „Sexkolumnistin“ geht Carrie etwa der Frage nach, ob man als Frau auch Sex wie ein Mann haben kann – und berichtet über ihre Selbstversuche ...

Als Kolumnistin bin ich also ganz frei – sowohl im Stil als auch in den Methoden ... Allerdings bin ich weniger eine Sex- als eine Gotteskolumnistin. Es gibt da keine Verbindungen? Oh doch! Mystik und Eros haben beide mit Gefühl und Leidenschaft zu tun. Auch mit Transzendenz, einem Übersteigen und mit Ekstase, einem Außer-sich-Sein. Aber auch mit: enge Grenzen sprengen – für einen kurzen Moment das eigene Ich aufgeben: Das geschieht in der Vereinigung von zwei Liebenden.
Grenzen überwinden und selbstlos sein – das geschieht auch im konkreten Erfahren christlicher Nächstenliebe. „Gott fühlen“ bedeutet Gottes Ebenbild im Nächsten ganz praktisch erkennen: „Ich helfe Dir, weil ich Gott auch in Dir sehe und nicht einfach, weil Du mir sympathisch bist!“ Es meint Respekt vor der Würde, der Unterschiedlichkeit wie der Freiheit aller Menschen. Diese Liebe, diese „Kraft aus der Höhe“, entgrenzt.
Was heißt das konkret? Menschen aus erzwungenen Grenzen herausholen – das erlebten wir in den letzten Wochen und Monaten durch einen beispiellosen Einsatz für Flüchtlinge. Ehrenamtliche Tatkraft, beherzte Einsätze von Caritas und Diakonie verändern die Atmosphäre Asylsuchenden gegenüber. Und in der Bevölkerung wächst … ja, Mit-Gefühl! Die Bereitschaft, den persönlichen Vorurteilswall gegenüber Flüchtlingen einzureißen, sich zu solidarisieren, hat politische Folgen für die großen Grenzen Europas.
Auf Europa und den Wahlsonntag hin formuliert ist „über Grenzen gehen“ eine klare Ansage an Würde und Verantwortung. Sie ist eine deutliche Absage an Menschenhandel, jede Art Machtspiele oder jede Form sexueller Ausbeutung.
Denn auch Gewalt ist schier grenzenlos. Das ist die Kehrseite – der Gegenspieler zu Gottes- und Menschenliebe. Mit-Gefühl wird heute an den Grenzen Europas entschieden. Wir entscheiden, ob wir für unzählige „Namenlose“, die bei uns eine Existenz suchen, unsere Grenzen öffnen – um Leben zu retten und um Leben miteinander zu teilen. Wir entscheiden letztendlich über unser eigenes Glück, welches sich bekanntlich erst verdoppelt, wenn wir es miteinander teilen!
So berichtete mir eine Nigerianerin von existenzieller Not und sexueller Gewalt – aber auch von der grenzenlosen Liebe Gottes. Darin hat sie Halt gefunden. Lernen wir lieben, mit grenzenlosem Respekt – anderen gegenüber wie Gott über uns! Nur so können wir ohne Grenzen beschenkt werden!
Von Lissy Eichert, Pastoralreferentin Berlin