11.04.2014

Anstoß 15/2014

Tod und Leben

Der Palmsonntag ist quasi ein Tor, durch das wir in das zentrale Geschehen einziehen, das unseren christlichen Glauben wesentlich prägt.

Die Karwoche drängt in sieben Tagen den wesentlichen Inhalt unseres Glaubens zu einem kompakten Bündel zusammen. Es geht um Tod und Leben. Jeder Mensch, ob Christ oder nicht, muss sich dieser Frage stellen. Das ist keine philosophische Frage. Sie hat einen ganz lebenspraktischen Aspekt. „Was will ich mit meinem Leben anfangen, denn es endet irgendwann?“ Die Feier der Karwoche kann dabei die Antwortsuche unterstützen.
Der Palmsonntag ist der hoffnungsvollste Tag. Die Menschen jubeln Jesus zu. Er ist es, der alle Verheißungen verkörpert. Man kann das mit den Hoffnungen der jungen Menschen vergleichen, deren Leben alle Möglichkeiten bereithält. Es ist der lichte und frische Morgen des Lebens, den wir am Palmsonntag feiern können.
Der Gründonnerstag ist der ambivalenteste Tag. An diesem Tag hält Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl. Er ist der Tag der Hingabe Jesu und seiner Aufforderung, es ihm gleichzutun. Ein Leben ohne Hingabe ist vertan, heißt die eine Botschaft des Gründonnerstags. Und es ist der Tag des Verrates. Judas Iskariot und Petrus verraten Jesus. Beide tun etwas in ihren Augen Gutes und tappen dabei in die Fallen der Sünde, die auf dem Weg des Lebens versteckt sind. Der Gründonnerstag ist so eine Medaille mit zwei sehr unterschiedlichen Seiten. Dieser Tag ist ein Bild für unser Leben, das von unserem guten Willen geprägt ist und gleichzeitig von der Unfähigkeit, diesen Willen gut umzusetzen. Er hält uns aber in der Figur des Petrus eine Lösungsstrategie bereit: Erkenntnis, Reue und Umkehr.
Der Karfreitag ist der Tiefpunkt. Die Verurteilung und der Tod Jesu sind unvermeidlich und schroff. Die Schroffheit des Todes berührt uns Menschen so unmittelbar, weil jeder Mensch davon unausweichlich betroffen ist. Damit ist der Karfreitag auch der Tag, der uns Menschen am tiefsten trifft. Er ist damit der intimste Tag der Karwoche.
Der Karsamstag ist der Tag des grauen, wattigen und dumpfen Nichts, der Trauer, der Bewegungslosigkeit. Spätestens im Angesicht der Trauer über einen Verlust muss jeder Mensch, ob Christ oder nicht, entscheiden, was er mit seinem Leben anfängt.
Die folgende Nacht kann an dieser Entscheidung aber einiges ändern. Die Nacht des Todes weicht dem Morgenrot einer Hoffnung: Der Tod dominiert nicht das Leben. Das ist die Botschaft des Ostermorgens. Wir nennen das Auferstehung. Unser irdischer Tod hat nicht das letzte Wort. Die Hoffnung des Palmsonntags hat die Chance zurückzukehren.
P. Ralf Sagner OP, Leipzig