30.04.2015

Geschwister: Glaube und Zweifel

Theologisches Forschungskolleg der Uni Erfurt veranstaltete Tagung in Prag

Prag/Erfurt. Wie die Säkularisierung zur Chance für den Glauben werden kann, darüber dachten tschechische und ostdeutsche Theologen Mitte April in Prag nach.

Diskutierten über die religiöse Verfasstheit der Menschen in Tschechien und Mitteldeutschland: Norbert Schmitt, Tomáš Halík, Jaroslav Lorman, Benedikt Kranemann, Michal Nemecek, Radek Tichý. Foto: privat

Die katholische Kirche in Tschechien und Ostdeutschland steht vor vergleichbaren Herausforderungen: geringe kirchliche Bindung in der Bevölkerung und der Verlust selbstverständlicher religiöser Praxis, aber zugleich Aufbrüche und perspektivenreiche kirchliche Projekte kennzeichnen die Situation hier wie dort. Bei einer Tagung zum Thema „,Mit dem Geheimnis leben‘: Säkularisierung als Chance“ des Theologischen Forschungskollegs an der Universität Erfurt und des Zentrums für Theologie und Kunst an der Karls-Universität Prag standen entsprechende Fragen im Mittelpunkt.

Linie verläuft zwischen Suchenden und Eingeweihten
Theologinnen und Theologen aus beiden Universitäten diskutierten vom 16. bis 19. April Fragen von Theologie, Liturgie und Pastoral unter den Vorzeichen von durch Konfessionslosigkeit geprägten Gesellschaften. Die Gruppe aus Erfurt wurde durch den Provinzial der Dominikaner Dr. Benedikt Mohelnik OP über das Projekt „Dominikánská 8“ informiert.  Seit einigen Jahren bieten die Dominikaner mitten im touristischen Prager Zentrum ein sehr ambitioniertes Programm mit Gesprächsabenden, Konzerten und Schauspiel an. Sie verstehen dies als einen Beitrag des Ordens zu einer Belebung städtischen Lebens und als Form der Präsenz von Kirche in der Öffentlichkeit.
In einem anderen geistlichen Zentrum Prags, der Hochschulgemeinde St. Salvator, arbeiteten die Promovierenden und Habilitierenden einen Tag mit Professor Dr. Tomás Halík. Der tschechische Theologe, der Ehrendoktor der Universität Erfurt ist, wurde unter anderem international durch die These bekannt, Kirche und Theologie müssten den Dialog mit ernsthaften Agnostikern und Atheisten führen und darin das Suchen und Fragen nach Gott neu entdecken. Bei der Tagung in Prag sprach er von Glauben und Zweifel als Geschwister, die zum Beispiel die biblische Gestalt des Thomas zeige. Die Theologie sieht Halík heute zu Antworten auf die vielfältigen Herausforderungen der Gegenwart aufgerufen. Sie befinde sich in einem Paradigmenwechsel. Die entscheidende Differenz verläuft nach Meinung Halíks nicht zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen, sondern zwischen Suchenden und Eingeweihten. Die kirchliche Begleitung von Sinnsuche sei notwendig.
Für den Dekan der Erfurter Fakultät, Professor Dr. Michael Gabel, ist die Krise Möglichkeit zu neuem Leben. Gabel referierte über die „Rezeption des theologischen Denkens von Tomas Halík in der deutschen Theologie und Kirche“. Das Anbieten christlicher Hoffnung, die anderes meine als nur Optimismus, und das Aufsuchen „fremder Orte“ als Herausforderung für Theologie und Kirche, müsse die kirchlichen Aktivitäten prägen. Mit dem Leiter des Prager Zentrums für Theologie und Kunst, Ing. arch. Monsignore Norbert Schmidt, war sich Gabel einig, dass zur Sprachfähigkeit der Theologie die Auseinandersetzung mit Kunst, Literatur und Musik der Gegenwart unverzichtbar sei.

Offensein für eine „scheue Frömmigkeit“
Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann, der das Theologische Forschungskolleg leitet, analysierte unter der Überschrift „Offenheit für eine ‚scheue Frömmigkeit‘“ neue christliche Rituale in religiös pluraler Gesellschaft. Die in Ostdeutschland mittlerweile verbreitete Lebenswendefeier versteht er nicht nur als pastoralen, sondern auch als liturgietheologischen und ekklesiologischen Aufbruch. Neue Rituale, die Konfessionslosen offenstehen, so Kranemann im Gespräch mit Halík,  könnten ein Ort der Begegnung für Glaubende und Suchende sein. In ihnen könnte eine neue Offenheit nach außen wie nach innen realisiert werden. Es geht dann nicht nur um beliebige neue Ritualformen, sondern um eine wirklich theologische Herausforderung, die sich mit diesen Ritualen verbindet.
Unter der Leitung des tschechischen Theologen Dr. Petr Stica diskutierte die Erfurter Gruppe intensiv Texte tschechischer Theologen der 1960er und 1970er Jahre. Dabei wurde deutlich, wie die politischen Repressalien die katholische Kirche in Tschechien zu einer eigenen Theologie der Hoffnung geführt haben. In Tschechien entstand eine Sicht von Kirche, die aus dem Wissen um den möglichen Untergang der Kirche Kraft für einen lebendigen Glauben fand.
Die Tagung in Prag war die dritte ihrer Art. Die Reihe gemeinsamer theologischer Veranstaltungen soll fortgesetzt werden.

Von Benedikt Kranemann