21.06.2017

Anstoss 25/2017

Stirb und werde

„Und so lang du das nicht hast – dieses Stirb und werde! –, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.“ Diese Weisheit stammt von Goethe. Wie wahr sie ist, belegt mein Besuch bei Albert auf der Palliativstation des Neuköllner Krankenhauses.


Ein Pfleger hatte in der Gemeinde angerufen und um Besuch gebeten. Es war Samstag. Es müsse ja nicht der Pfarrer sein. Der sei schon da gewesen und sicher ist bald der Vorabendgottesdienst. Soviel Kenntnis überraschte mich. Der Pfleger legte noch eins drauf. Sein Eindruck sei, dass Albert das Gebet große Kraft geben würde. Falls nun gerade niemand Zeit finde, könnte er es selbst mal mit Gebet versuchen. Er sei ja auch katholisch. Aha, schmunzelte ich. Da ich mit weniger wichtigen Dingen beschäftigt war, sagte ich den Besuch zu.
Albert, Ende 50, war im Kiez „bekannt wie ein bunter Hund“. Das Neuköllner Urgestein ist als Erwachsener katholisch geworden. Seine äußere, hagere Erscheinung hatte etwas von einem wilden Mann. Meist stand er in seiner Kluft – Lederhose, Basecap, Sonnenbrille – breitbeinig hinten in der Kirche. Die Arme verschränkt, seine Tattoos gut sichtbar, ein großes Kreuz auf der Brust. Er hing oft mit den Jungs in den Straßen ab und zischte ein Bierchen. Oder auch zwei. Immer, wenn wir uns begegneten, brüllte er meinen Namen, oft ein Halleluja hinterher und dass wir uns ja am Sonntag sehen. Jetzt, kurz vor seinem Zimmer auf „der Palli“, war ich bange, ihm sterbend zu begegnen. Doch alles war ganz anders. Albert sah richtig gut aus! Wie er da so entspannt im Krankenbett lag platze ich mit „Gut siehst du aus!“ ins Zimmer. Während ich noch überlegte, ob es nicht unpassend war, ergriff er meine Hand. Wir weinten und lachten gleichzeitig. Sein großes Kreuz lag auf der Brust. Wortloses Bekenntnis. Daran hielt er sich mit der anderen Hand fest. Sie ergriff mit Kraft dieses Stück Holz. „Ich will noch nicht, aber ich muss wohl.“ Der Kopf drehte Richtung Fenster, durch das die Nachmittagssonne schien. „Die freuen sich auf dich, da oben.“ „Ich weiss.“
Albert war kein trüber Gast auf dunkler Erde. Er hat mir sterbend Lebensmut geschenkt. „Stirb und Werde“ hat für uns im Glauben ein klares Ziel. Einmal mehr nehme ich mir vor, diese Bewegung zu trainieren. Immer neu loszulassen um neu zu werden. „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen. Siehe, Neues ist geworden“ (2 Kor 5,17). Stimmt. Albert sah gut aus!

Lissy Eichert, Berlin