26.02.2015

Berliner Pfarrei St. Michael musste viele Schläge einstecken

Stadt geteilt – Gemeinde geteilt

Berlin. Ganz anders als üblich verlief das Jubiläum zum 100-jährigen Bestehen der Kirche St. Michael in Berlin 1961. Denn seit über zwei Monaten teilte die Mauer nicht nur die Stadt Berlin, sondern auch die Gemeinde.

Thomas Motter vor dem Modell der Kirche. So hat St. Michael vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ausgesehen. Foto: Alexandra Wolff


„Wir mussten getrennt feiern“, erinnert sich Thomas Motter an die Jubiläumsfeier seiner Kirche zum 100-jährigen Bestehen 1961. „Ich habe damals ministriert und Erzbischof Alfred Bengsch hat mit unserer Gemeinde gefeiert. In West-Berlin zelebrierte Prälat Walter Adolph.“ Anschließend sind die Ost-Berliner Gottesdienstbesucher zum Marienstift gezogen, das sich direkt an der Grenze nach Kreuzberg, also Berlin-West, befand. Und dort stand der andere Teil der Gemeinde mit Kolping-Bannern und anderen Fahnen verschiedener kirchlicher Vereine. „Die Grenzsoldaten fanden das natürlich nicht so toll und warfen Rauchbomben auf die Kreuzberger“, erinnert sich Motter. „Aber die haben die Rauchbomben einfach wieder zu den Grenzsoldaten zurück geworfen.“
Heute – über 50 Jahre später – ist Motter der erste Vorsitzende des Fördervereins zur Erhaltung der katholischen Kirche St. Michael, Berlin-Mitte. Denn nicht nur die Trennung durch den Mauerbau war für die Gemeinde ein Schock. Schon knapp zwei Jahrzehnte zuvor war ihre Kirche schwer in Mileidenschaft gezogen worden: Mehrere Spreng- und Brandbomben fielen am 3. Februar 1945 auf Berlin und die Kirche St. Michael. Seit 2001 stellt sich der Förderverein die Aufgabe, das unter Denkmalschutz stehende Gebäude der St. Michaelskirche einschließlich des Inventars durch finanzielle und sonstige Förderung zu erhalten, zu pflegen, zu sanieren und in Teilen zu rekonstruieren.
Das Mittelschiff war durch den Bombenangriff zum Ende des Zweiten Weltkriegs komplett eingestürzt. Die Kanzel hatte einen Riss, war aber noch an Ort und Stelle. Wenige Tage nach dem Angriff stürzte aber auch sie ab. Im Glockengestühl glimmten offenbar noch ein paar Funken, die nach und nach auch die Balken, die die Glocken trugen, zerstörten. Auch sie fielen erst Tage nach dem Angriff und immer noch glühend herab. In den folgenden acht Jahren diente die Notkapelle im St. Marienstift der Gemeinde als Gottesdienstraum. Erste Sanierungsarbeiten an der Kirche St. Michael liefen in den Jahren 1948 bis 1953 und im Querschiff wurde ein Kirchraum eingebaut. Am Heiligen Abend des Jahres 1953 weihte der damalige Bischof Wilhelm Weskamm das wiederaufgebaute Querschiff der Kirche. Vier Jahre später wurde der Glockenturm instandgesetzt und am 29. September 1957 weihte Generalvikar Maximilian Prange die drei neuen Glocken. Drei weitere Jahre später konnte auch die neue Orgel geweiht werden.

„Der Kontakt brach sehr schnell ab“
Es ging also bergauf mit der Kirche. Weitestgehend war sie wieder nutzbar. Doch ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Gemeinde das 100-jähriges Bestehen ihrer Pfarrkirche hätte feiern können, wurde die Mauer gebaut, die die Gemeinde trennte. Nicht nur für die nächsten knapp 28 Jahre, sondern für immer.
„Der Kontakt brach sehr schnell ab“, erinnert sich Motter. Eine Ausnahme bildeten nur die Familien, die durch die Mauer getrennt wurden. Anfang und Mitte der 80er Jahre haben der damalige Gemeindereferent Reinhard Herbolte und der Pater Godehard Pünder versucht, wieder Kontakt zu den Gemeindemitgliedern im Osten aufzunehmen. Der Mauerfall 1989 erleichterte ihnen die Aufgabe. „Ein Höhepunkt war, dass wir den ersten Advent in der neugestalteten Kirche drüben feiern konnten“, sagt Motter.
In den 60er Jahren war für die West-Gemeinde am Alfred-Döblin-Platz in Kreuzberg eine Kirche mit Pfarrhaus und Gemeindezentrum errichtet worden. Bis Anfang der 80er Jahre konnten so die Westberliner ein konventionelles Gemeindeleben führen. Allerdings sank die Zahl der Gemeindemitglieder, weil sich Kreuzberg vom sozialen Millieu her sehr veränderte. „Viele ältere West-Berliner sind im Laufe der Zeit umgezogen und in die zum Teil unsanierten Wohnungen zogen junge Singles und Studenten“, erläutert Motter einen Grund, weswegen die Gemeinden nicht mehr zusammen passten. Auch im Osten gab es nach fast 28 Jahren der Trennung kaum noch Gemeindemitglieder, die sich mit dem Westteil verbunden fühlten. Und wer das tat, konnte ja als Rentner den Westteil der Gemeinde besuchen.
Die unterschiedliche Alters- und Sozialstruktur der beiden Gemeindeteile führte zu ganz unterschiedlichen Konflikten, berichtet Motter. Ein Beispiel: „Wir wollten nach der Wiedervereinigung die Gottesdienstzeiten aufeinander abstimmen, konnten uns aber auf keine Uhrzeit einigen.“ Die Kreuzberger wollten sonntags ausschlafen und lieber erst um 11 Uhr, frühestens um 10.30 Uhr mit dem Gottesdienst anfangen, während die Berliner aus Mitte, viele Familien mit Kindern, schon um 9.30 Uhr anfangen wollten. „Nach St. Michael/Kreuzberg kamen aber auch viele Obdachlose, die es gewohnt waren, ihre Hunde in der Kirche frei herumlaufen zu lassen“, nennt Motter einen weiteren Grund für die Differenzen. „Das war hier vielen Menschen suspekt.“  

Ein Feiertag hier – ein Feiertag dort
Die Feiern an den hohen Feiertagen Weihnachten, Ostern und Pfingsten wurden aufgeteilt: Den ersten der jeweiligen Feiertage beging die Gemeinde in der einen und den zweiten in der anderen Kirche.
Nach dem Jahr 2000 wurden die Strukturen dann geändert: Die Kreuzberger St.-Michaelsgemeinde wurde mit St. Marien-Liebfrauen fusioniert, weil diese ebenfalls ihren Sitz in Kreuzberg und so eine ähnliche soziale Struktur und Ausrichtung hat. St. Michael in Berlin-Mitte wurde im Herbst 2003 mit der Domgemeinde St. Hedwig zusammengeschlossen.

Von Alexandra Wolff