16.10.2014

Internetportale und Politik gehen gegen islamistische Propaganda vor

"Sich nicht zum nützlichen Idioten machen"

Spätestens seitdem der „Islamische Staat“ (IS) die Videos von der Enthauptung des US-Journalisten James Foley weltweit verbreitet hat, ist klar: Die Dschihadisten führen ihren  Krieg auch im Internet. Dagegen setzen sich jetzt große Anbieter wie Twitter, Youtube oder Microsoft mit zunehmendem Erfolg zur Wehr.

 

 
 

Als der US-amerikanische Fotoreporter James Foley vor wenigen Wochen von Kämpfern der radikalislamistischen Terrororganisation IS vor laufender Kamera ermordet wurde, dauerte es nur wenige Stunden, bis sich das Video von seiner Enthauptung im Internet verbreitet hatte. Einer Studie des TV-Senders Sky News soll der IS allein bei Twitter zeitweise über mehr als 60.000 Accounts verfügt haben. Die gleichen Accounts hatte der IS zuvor bereits genutzt, um junge Menschen zu radikalisieren und als Kombattanten für den Krieg in Syrien und im Nordirak zu gewinnen. Doch die Zeiten, in denen der IS im Internet seinen medialen Dreck quasi unbehelligt ausschütten konnte, sie scheinen allmählich vorbei.

Kaum hatte die US-Regierung die Onlinedienste um einen „angemessenen Umgang“ mit den Videos der Enthauptung gebeten, teilte Twitter-Chef Dick Costolo auch schon mit: „Wir haben bereits aktiv etliche Nutzerkonten gesperrt und werden dies weiter tun, wenn die Nutzer uns im Zusammenhang mit diesen drastischen Aufnahmen auffallen.“

Auch Europa geht gemeinsam gegen IS-Propaganda vor

Nach einem Treffen der EU-Innenminister am 9. Oktober in Luxemburg mit Vertretern von Facebook, Twitter, Google und Microsoft, lobte jetzt auch Thomas de Maiziere den Kampf der Onlineportale gegen den IS-Propaganda-Feldzug im Internet. „Die Zusammenarbeit mit den Dienstanbietern und Providern hat sich maßgeblich verbessert, entsprechende Inhalte werden aus dem Netz genommen, Durchsuchungsmaßnahmen bei mutmaßlichen IS-Unterstützern finden statt”, sagte der deutsche Innenminister gegenüber der Zeitung "Die Welt".  Mit dem IS-Verbot habe die Bundesregierung auch die Propaganda für die Terrormiliz im Internet verboten. „Wir sehen jetzt erste Erfolge”, so de Maizière.

Dass die Maßnahmen tatsächlich Wirkung zeigen, lässt sich auch gut im Internet beobachten. Bereits die Videos von der Ermordung des Reporters Steven Sotloff wurden – anders als jene von der Ermordung Foleys - kaum noch verbreitet. Wer nach ihnen sucht, findet meist nur Links zu den Berichten der Medien zum Thema, die allesamt aber auf die Veröffentlichung des kompletten Videos verzichtet hatten. „Man darf sich nicht zum nützlichen Idioten von terroristischen Verbrechern machen“, sagte stellvertretend für viele Kollegen Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung".

Doch es ist wie immer im Netz. Anstatt Beispiel zu klatschen, dass die bestialischen Videos nicht mehr veröffentlicht werden, die ja auch die Grundrechte der Getöteten sowie deren Familien elementar verletzen, sehen nun die ersten Internetaktivisten die Meinungsfreiheit in Gänze in Gefahr. Sicher nicht ganz zu Unrecht monierte Jillian York von der Organisation „Electronic Frontier Foundation“, dass die Internetriesen auch Konten einiger Nutzer gesperrt hätten, die lediglich auf das gekürzte Video einiger Zeitungen verwiesen hätten.

 
 

Mag sein, dass da der eine oder andere Anbieter im Einzelfall zu weit gegangen ist. Doch wie sehr die Sperrung einiger Accounts bekannter Islamisten die Szene trifft, zeigt deren Reaktion. In etlichen Tweets drohten jüngst IS-Sympathisanten damit, Mitarbeiter von Twitter zu ermorden. Wenn das Unternehmen seine Sperrpraxis nicht stoppe, würden „einsame Wölfe“ die Organisation demnächst auch in Europa und den USA angreifen. Die Tweets waren sämtlich mit dem Hashtag #The_Concept_of_Lone_Wolf_Attacks versehen.

Neben Politik und Unternehmen setzen sich auch immer mehr Internetuser privat und persönlich gegen den IS zur Wehr. Unter dem Hashtag #ISISMediaBlackout etwa forderte vor einigen Wochen eine junge Frau ihren virtuellen Bekanntenkreis auf, kein Foto oder Video mehr zu verbreiten, das auch nur ansatzweise die Gewalt der Terroristen verherrlichen könnte. Rasch schlossen ihr sich mehrere Hunderte Nutzer an.

Hackergruppe Anonymous will IS angreifen

Zuletzt hat auch die Gruppe Anonymous, die in der Vergangenheit vor allem mit Aktionen und Demonstrationen gegen die Sekte Scientology von sich reden machte, angekündigt, den IS im Internet anzugreifen und zu „hacken“. Im Interview mit dem TV-Sender „Telesurtv“ sagte ein Aktivist: „Ich finde es ironisch, dass eine Herde wilder Tiere versucht, in die Zeit des 12. Jahrhunderts zurückzukehren und dafür gleichzeitig ganz selbstverständlich Medien aus dem 21. Jahrhundert verwendet.“

Ihr Webreporter Andreas Kaiser