30.01.2014

Die Studentengemeinden in der DDR

Schulen der Demokratie

Welche Rolle haben die christlichen Studentengemeinden in der DDR gespielt? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein Forschungsprojekt an der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt. In Berlin fand kürzlich dazu eine Tagung statt.

Berlin / Erfurt. Zwar waren die katholischen und evangelischen Studentengemeinden in der DDR nicht direkt als Institutionen an der Friedlichen Revolution in der DDR beteiligt. Doch für die gesellschaftlichen Veränderungen in Ostdeutschland 1989/90 sind sie ein wichtiger Faktor. Viele Akteure dieser Zeit konnten auf Erfahrungen zurückgreifen, die sie zuvor in den Studentengemeinden als „Schulen der Demokratie“ gesammelt hatten. Zu dieser Einschätzung kamen Experten, die in Berlin an einer Tagung zur Bedeutung der Studentengemeinden in der DDR teilgenommen haben. Die Tagung ist Bestandteil eines Forschungsprojektes der katholischen Fakultät Erfurt (siehe Hintergrund).

Tarnorganisation für Kriegshetze im USA-Auftrag
Den DDR-Machthabern waren die Studentengemeinden von Anfang an ein Dorn im Auge. In den 50er Jahren galten sie als „Speerspitze des Imperialismus und Tarnorganisation westlicher Geheimdienste“ erinnert Wolf Krötke, viele Jahre evangelischer Studentenpfarrer in Halle. Die „Junge Welt“, das Zentralorgan der Freien Deutschen Jugend (FDJ) veröffentlichte beispielsweise im April 1953 in einem „Extrablatt“ Berichte über einen „angeblichen Studentenpfarrer“ und das verräterische Spiel mit der „Jungen Gemeinde als Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage im USA-Auftrag“. Bei der  Wortwahl – „Junge Gemeinde“ oder Studentengemeinde – unterschied die DDR-Hetze dabei nicht, so der Theologe Thomas Brose.

Der massive Kirchenkampf ließ später nach. Vor allem zu Beginn der Honecker-Ära Anfang der 70er Jahre gab es für die Menschen in der DDR den einen oder anderen Freiraum, zu dem auch die Studentengemeinden gehörten, so der Politiker Günter Nooke. Hier konnten Menschen anders denken lernen.

Zu Beginn seiner Theologenausbildung hatte Michael Gabel selbst enge Kontakte zur Hallenser KSG. Als eine wichtige Erfahrung, die Mitglieder von  Studentengemeinden sammeln konnten und die sich später als wertvolles Potential im Rahmen der Veränderungen der Friedlichen Revolution erwiesen, verwies er auf die regelmäßigen Themenabende. Die Vorträge und Diskussionen vermittelten die Überzeugung, „dass man vor der Wahrheit keine Angst haben muss“. 

Offiziell kamen die Studentengemeinden an den DDR-Universitäten nicht vor. „Es gab kaum Kontakte“, berichtete Bernd Streich, der in den 80er Jahren in der KSG Berlin arbeitete. Er erinnert sich an eine Diskussionsveranstaltung der Studentengemeinde mit Teilnehmern des FDJ-Studienjahres. „Das war aber  eine krasse Ausnahme“. Die Studentengemeinden seien eine wichtige Ergänzung zur ideologisch gefärbten DDR-Hochschulausbildung gewesen. Ihre Veranstaltungen vermittelten humanistische Allgemeinbildung besonders mit Blick auf Philosophie, Theologie und Kultur.

„Die Studentengemeinden waren eine Art Gegenuniversität“, erinnert sich Wolf Krötke an Veranstaltungen in der Evangelischen Studentengemeinde Halle. „An den Themenabenden haben nicht selten 200 bis 300 Leute teilgenommen.“ Klar, dass das das Interesse der Staatssicherheit weckte, die ihrerseits Inoffizielle Mitarbeiter einschleuste. „In den Augen der Staatsmacht waren wir ein Unruheherd.“ Trotz aller Überwachung und Repression seien die Studentengemeinden aber „ein angstfreier Raum“ gewesen. Die Hallenser Studentengemeinden profitierten dabei zusätzlich von der Nähe zur Leopoldina, einem in Halle ansässigen Zusammenschluss von Wissenschaftlern. Auch zu DDR-Zeiten war die Leopoldina gesamtdeutsch besetzt. So gab es häufig Begegnungen mit Wissenschaftlern aus dem Westen, allen voran Carl Friedrich von Weizsäcker.

Mitgestaltung statt Totalverweigerung
Nach Ansicht von Michael Gabel haben die Studentengemeinden in der katholischen Kirche eine Vorreiterrolle bei der Öffnung ihrer Kirche gegenüber der DDR-Gesellschaft gespielt. Statt Totalverweigerung, wie sie lange offizielle Linie der katholischen Kirche in der DDR war, wollten die Studenten die Zukunft mitgestalten. Die Frage, bis zu welchem Grad man im DDR-System mitmachen dürfe, wurde in den Studentengemeinden oft diskutiert. Konkret wurde das beispielsweise bei Wehrdienstfragen, wo es um Verweigerung und Bausoldatendienst ebenso ging wie um das Thema Reserveoffizier, um das kaum ein männlicher Studierender in der DDR herum kam.

Auch unter den christlichen Studenten wurde die Friedensfrage so zum „Riesenthema“, sagt Günter Nooke. Als Gruppe waren die christlichen Studenten Ende der 80er Jahre politisch nicht relevant, aber durch die Studentengemeinden seinen einzelne befähigt worden, „sich in einer offenen, freien und demokratischen Gesellschaft zu engagieren“. Matthias Holluba

Mehr Infos: www.uni-erfurt.de/index.php?id=23272&L=0


Begegnet:
 

Prägende Erfahrungen in der Studentengemeinde
„Ich habe in der Kirche Demokratie erlebt und gelernt, sicher unter dem Vorbehalt der Letztverantwortlichkeit des Pfarrers und den damit verbundenen Reibungen. Dadurch haben wir aber gelernt, Spannungen auszuhalten“, sagt Dr. Joachim Klose (Dresden). Ein Abschnitt seines Lebens, für den das besonders gilt, waren die Jahre zwischen 1980 und 90, in denen er – mit Unterbrechung durch den Wehrdienst als Bausoldat – in verschiedenen KSGen aktiv war.

„Die Studentengemeinden boten Freiräume, die basisdemokratische Erfahrungen zuließen. Wir haben dort auch gelernt, mit kontroversen Meinungen umzugehen und Überzeugungsarbeit zu leisten.“ Diese Einübung in Sachen Demokratie hat dazu geführt, „dass wir uns in der Friedlichen Revolution sofort eingemischt haben. Wir sind in Dresden von Anfang an mit auf die Straße gegangen, haben die Montagsdemos mitorganisiert“, erinnert sich Joachim Klose. 1989 gehörte er zu den Mitbegründern eines Instituts zur militärischen Konversion, in dem es um Altliegenschaften ging und das 1990 dann wieder aufgelöst wurde. So wie Klose haben sich sehr viele Mitglieder von Studentengemeinden engagiert – „nicht in den offiziellen KSG-Strukturen, sondern eher in Freundeskreisen“.  Ein wichtiges Aktionsfeld war die demokratische Umgestaltung der Universitäten.

1990 ging Joachim Klose nach München, um Philosophie zu studieren. Dass er danach mit seiner Frau nach Dresden zurückkehrte, war eine bewusste Entscheidung, „um hier vor Ort Gesellschaft zu verändern“. Klose sieht auch diese Entscheidung als eine Folge seiner Studentengemeinde-Zeit: „Wir wurden dazu ermutigt, Verantwortung zu übernehmen an dem Ort, an den wir gestellt waren. Ich erinnere mich an endlose Diskussionen mit Studentenpfarrer Eberhard Prause zum Thema ,Gehen oder bleiben?‘, in denen er diese Verantwortung immer wieder betont hat.“ Daraus erklärt sich für ihn, dass so viele ehemalige Mitglieder von Studentengemeinden nach 1990 politische Verantwortung übernommen haben. dw/mh