19.09.2013

Anstoß 38/ 2013

Schön ungerecht!

Juli 2013; zwei Wochen nach der großen Flut. In Biederitz, das beim großen Hochwasser im Großen und Ganzen trocken geblieben ist – nicht zuletzt dank vieler Helferinnen und Helfer, wird gefeiert. Nach all dem Sandsäcke füllen, Dämme bauen und Deichwache laufen gibt es nun als Finale ein Dorffest.

Das war sowieso geplant und wurde kurzerhand umgewidmet – und wird so zum Dankfest für das Dorf und seine Helfer.  Damit es auch alle mitbekommen, schickt die Gemeinde E-Mails an die vielen Helfer aus und ermutigt darin, auch all diejenigen einzuladen, von denen keine Adresse bekannt ist.

Treffpunkt ist Sonntag elf Uhr, gleich nach dem ökumenischen Gottesdienst. Und so kommen viele Leute auf die Festwiese.  Nach ein paar Dankesworten und Blumensträußen ruft der Bürgermeister freies Essen und freies Trinken als Dank für das  Helfen und Dorfretten aus. Gut und schön, aber es sind eine ganze Menge mehr Leute auf der Wiese als nur die Helfer. Auch eine Menge Kinder springen rum, weil zum Dorffest ja auch ein Rummel gehört.

Und was passierte an den Fleischtöpfen und den Getränkeständen? Alle kriegten was ab, und denjenigen, die ungläubig zahlen wollten, weil sie entweder nicht oder nur wenig geholfen haben, wurde gesagt: “Jetzt wird gemeinsam gefeiert und nicht gezahlt! Es sind alle ob groß oder klein eingeladen.”  

Eine sehr ähnliche Geschichte steht in der Bibel: Dort arbeiten Leute auf einem Feld, die einen vom frühen Morgen an, andere kommen gegen Mittag dazu, einige erst kurz vor Schluss. Als dann am Ende des Tages der Lohn ausgezahlt wird, waren vor allem diejenigen sauer, die seit dem Morgen geschuftet hatten. “Wieso bekommen wir nicht mehr – wir haben doch auch mehr gemacht?”
Doch der Bauer lässt sie abblitzen: Ihr habt das gute Geld bekommen,was wir ausgemacht haben, und wenn ich den anderen das Gleiche gebe ,ist das meine Sache. Punktausundschluss!”

Da baut sich der Frust vor allem bei denjenigen auf, die länger gerackert haben. Obwohl sie, genau betrachtet, ja bekommen, was ausgemacht war. Aber trotzdem missgönnen sie den Glückspilzen der letzten Minuten und Stunden, dass diese Nassauer hier etwas geschenkt kriegen.
Neid ist zwar meist irgendwie verständlich und doch ist es Gift für die Gemeinschaft. Viel besser ist es, Neidgefühlen kein Gehör zu schenken. Und so sollte man sich ruhig auch mal mit denen freuen, die unverdient was Schönes bekommen.

So wie in Biederitz alle gemeinsam mit Bratwurst, Suppe, Limo und Bier feierten, egal, ob sie vorher geschwitzt haben oder nicht. Diese kleine Geschichte gehört mit zu den kleinen Wundern hinterm Deich: ich jedenfalls habe keinen gesehen, der deswegen rumgemotzt hat oder sauertöpfisch nachgerechnet hat, was all die unverdiente Wurst die Steuezahler kostet.
Im Gegenteil, die meisten wunderten sich und freuten sich mit über diese schöne Ungerechtigkeit. Gott sei Dank! Guido Erbrich, Roncalli-Haus Magdeburg