01.08.2013

Politiker in Dresden haben beschlossen: Die Berufsfachschule des Caritasverbandes muss schließen

„Ohne mit uns zu reden“

Staatsminister der CDU/FDP-Koalition haben durch einen Kabinettsbeschluss die Berufsfachschule in der Görlitzer Blumenstraße geschlossen.

Durch dieses Tor gehen keine Schüler mehr. Foto: Maria Kresák

Dresden/Cottbus/Görlitz. Hinter den Türen der Blumenstraße 36 in Görlitz sortiert Rita Lehmann Akten, telefoniert mit Eltern, die ihre Kinder in die Berufsfachschule für Gesundheit und Pflege schicken wollen. Ihnen muss sie antworten, dass es kein neues Ausbildungsjahr geben wird. Am 31. Juli wird das symbolische Licht, das von 1964 an ununterbrochen in dieser Bildungseinrichtung leuchtete, vorerst ausgemacht. Damit ist die einzige katholische Schule im Bistum Görlitz, im Freistaat Sachsen, geschlossen.

Junge Menschen wurden in der Berufsfachschule für Gesundheit und Pflege auf soziale und pflegerische Berufe vorbereitet. „Im Sommer vorigen Jahres erhielten wir einen Brief aus dem Kultusministerium in Dresden ,,dass unsere Schule aus der Berufsschulordnung des Freistaates Sachsen herausgenommen werden soll. Bereits vor diesem Termin beschloss es das Kabinett und Anfang diesen Jahres trat die neue Berufsfachschulverordnung in Kraft“, sagt Schulleiterin Lehmann. Damit ist dieser Einrichtung in Trägerschaft des Caritasverbandes der Diözese Görlitz die Rechtsgrundlage entzogen worden.

In dem Kabinettsbeschluss, der zur Streichung dieses Bildungsangebotes führte, wurde als Grund die Stärkung der dualen Ausbildungsangebote angegeben. Dabei wurde nicht berücksichtigt, dass für den Großteil der pädagogischen und pflegerischen Berufe keine duale Ausbildung vorgesehen ist. „Das ist sehr kurz gedacht, denn ohne Vorbereitung auf Berufsausbildungen werden Ausbildungsabbrüche riskiert. Wir reden hier von jungen Menschen, die erschwerte Startbedingungen haben, persönlich, familiär oder emotional. Sie bringen noch nicht die nötige Stabilität mit“, sagt Rita Lehmann. Vermutlich werde der Fachkräftemangel im sozialen Bereich durch diese Entscheidung noch weiter verschärft.

Der Freistaat hatte erst im Jahr 2011 nach mehrjähriger Evaluation (grundsätzliche Untersuchung) das Curriculum (Lehrplan) des Bildungsganges Berufsfachschule für Gesundheit und Pflege gründlich verändert und den Zugang auch für Schüler mit Hauptschulabschluss geöffnet. Erst nach langwierigen und schwierigen Gesprächen war es damals den Schulen in freier Trägerschaft gestattet worden, dieses neue Curriculum und die neuen Zugangsvoraussetzungen in ihren Einrichtungen anzuwenden. Nach nur zwei Jahren wurde nun dieses Angebot, das insbesondere für Schüler mit schlechteren Schulabschlüssen den Weg in soziale Berufe bahnt, ohne Vorankündigung und fachliche Diskussion abgeschafft. Auf Anfrage teilt das Kultusministerium in Dresden unter anderem mit: „Die Streichung der einjährigen Berufsfachschule für Gesundheit und Pflege erfolgte ausschließlich aus fachlichen Gründen. Als Alternativangebot hat sich die Berufsfachschule für Pflegehilfe erfolgreich etabliert.“ So erfolgreich wollte man jedoch wohl die Caritas nicht werden lassen, denn: „Unsere Schule hätte man auf diesen Bildungsweg überleiten können und uns nicht einfach die Anerkennung entziehen dürfen. Mit uns zu reden wäre der richtige Weg gewesen“, sagt André Schneider, verantwortlicher Abteilungsleiter der Caritas in Cottbus, dem man die Verärgerung über den Umgang von Seiten des Kultusministeriums Dresden deutlich anmerkt.

Die Schule des Caritasverbandes, die derzeit ihren Standort in der Görlitzer Blumenstraße hat, geht zurück auf die 1964 am Görlitzer Sankt-Carolus-Krankenhaus gegründete Aspirantur. In dieser kirchlichen Einrichtung konnten unter den schwierigen Bedingungen in der DDR viele Hundert junge Menschen auf den Beruf von Krankenpflegern oder Erziehern vorbereitet werden. Nach der politischen Wende 1989 wurde dieses Angebot zu einer Berufsfachschule umstrukturiert.

Der Caritasverband bedauert die Schließung der einzigen katholischen Schule des Bistums Görlitz im Freistaat Sachsen. Trotz der Schulschließung möchte der Caritasverband sich weiter für junge Menschen engagieren und hat deshalb nach geeigneten Qualifizierungsmöglichkeiten für benachteiligte Jugendliche gesucht. Auf der Grundlage eines erfolgreichen Modellprojektes wurde gemeinsam mit den bisherigen Kooperationspartnern der Berufsfachschule ein Konzept zur „Qualifizierung von benachteiligten Jugendlichen in der Pflege“ erarbeitet. Der Caritasverband der Diözese Görlitz sieht darin die Möglichkeit, junge benachteiligte Menschen an pflegerische Tätigkeiten heranzuführen und sie für eine Ausbildung im sozialpflegerischen Bereich zu befähigen. Das Projekt geht davon aus, dass eine Verknüpfung von Bildungsangeboten für benachteiligte junge Menschen und Personalgewinnung für pflegerische Arbeitsbereiche sinnvoll ist, auch um auf dieser Ebene den drohenden Pflegenotstand kompensieren zu helfen. Derzeit sucht der Verband nach Finanzierungen, um gemeinsam mit den Kooperationspartnern mit dem Angebot beginnen zu können.

Ex-Schulleiterin Lehmann tut es sehr leid, was ihrer Schule widerfahren ist. „Es geht um die jungen Menschen, denen wir eine Chance gegeben haben. Bewerbungen und Nachfragen hatten wir für das neue Schuljahr im zweistelligen Bereich“, sagt sie. Ein neues Schuljahr wird es nun nicht mehr geben. Raphael Schmidt

Standpunkt:
„Kann politisch nicht gewollt sein“
Es ist bedauerlich, dass unserem guten pädagogischen Konzept die rechtliche und damit die organisatorische und finanzielle Basis entzogen ist.

Es gibt sie auch weiterhin, die Jugendlichen, die in der beruflichen und persönlichen Orientierung und Qualifizierung noch auf der Suche sind. Eine Alternative zu unserer Berufsfachschule für diese jungen Menschen ist, gleich an fachspezifische Schulen zu gehen und sich sofort auf einen eindimensionalen Weg in der fachlichen Ausbildung zu begeben. Merken diese jungen Erwachsenen dann, dass diese Ausbildung für sie nicht der richtige Weg ist, wird ein Schulabbruch als persönliches Scheitern, oft als ein wiederholtes Scheitern erlebt. Dies kann politisch nicht gewollt sein.

Für unsere Gesellschaft, für die Bewältigung der Herausforderungen des demographischen Wandels, brauchen wir starke und gefestigte Persönlichkeiten mit guter fachlicher Bildung.
Deswegen möchten wir über andere Modelle einen Weg finden, wie Jugendliche zuerst ihre persönliche und fachliche Orientierung selbst finden können, um gestärkt und gefestigt mit klarer persönlicher Orientierung in eine erfolgreiche Ausbildung, beispielsweise in den kranken- und altenpflegerischen Helferberufen, zu gehen. Und wer weiß, ob starke Jugendliche sich nicht auch einmal zu Pflegefachkräften weiter qualifizieren wollen.

Nochmals Dank an alle, die in der langen Tradition der Aspiranturen und Praktikanturen und der Berufsfachschule jungen Menschen diese Möglichkeiten eröffnet haben. Wir freuen uns, wenn wir von Absolventen in der nachträglichen Betrachtung hören, wie wertvoll und wichtig für sie diese Zeiten waren. Matthias Schmidt, Caritasdirektor