10.05.2012

Ökumenischer Praxistag „Zukunft einkaufen“ in Dresden

Schlafenden Riesen wecken

Die Zahlen und Prognosen sind lange bekannt. Und viele Einzelne haben inzwischen reagiert und ihren Umgang mit Umwelt und Schöpfung auf den Prüfstand gestellt. Doch das genügt nicht, wie ein ökumenischer Praxistag in Dresden zeigte.

Schöpfung bewahren: Blick auf die globale Situation bei einem ökumenischen Praxistag „Zukunft einkaufen“ in Dresden. Foto: Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens

Von Matthias Holluba

Dresden. Die Erfahrung einer Teilnehmerin des Dresdner ökumenischen Praxistages „Zukunft einkaufen“ werden viele teilen: Sie selbst habe sich für einen Lebensstil entschieden, der mit Gottes Schöpfung behutsam umgeht. Aber schon der Versuch, andere Familienangehörige zum mitmachen zu bewegen, scheitere. Andere berichteten von ähnlichen Erfahrungen in ihren Kirchengemeinden: „Bequemlichkeit und Nicht-Nachdenken siegen.“ Und auch Ulrich Clausen, der Umweltbeauftragte des Bistums Dresden-Meißen kennt solche Erfahrungen: Die Suche nach Einsparpotentialen siege oft über Umweltschutzgedanken oder ein Wechsel des Energieanbieters finde aus Angst um die Versorgungssicherheit und Verantwortung gegenüber der dann betroffenen Gemeinde nicht statt. Aber, davon ist Ulrich Clausen überzeugt: „Schöpfungsbewahrung ist keine Spinnerei einzelner Gläubiger, sondern muss Thema der Kirche sein.“

Trotzdem war es nur eine kleine Schar evangelischer und noch weniger katholischer Christen, die sich im St.-Benno-Gymnasium in Dresden zum ökumenischen Praxistag versammelt hatten. Einen solchen Tag hatte es schon einmal zum Thema Umgang mit Energie gegeben. Diesmal ging es vor allem ums Einkaufen.

Die Zahlen, die Petra Kohts vom Beratungsnetzwerk „Zukunft einkaufen“ nannte, sind bekannt: 40 Prozent der Lebensmittel landen in Deutschland auf dem Müll. Jedes fünfte Brot wird weggeworfen – ganz Niedersachsen könnte davon satt werden. Weltweit müssen 218 Milionen Kinder arbeiten, statt in die Schule gehen zu können; das Hemd, das sie nähen, wird in Deutschland dann für 7,99 Euro verkauft. Der Orangensaft hat, ehe er auf deutschen Frühstückstischen steht, 12 000 Kilometer zurückgelegt, Apfelsaft nur 2000. Diese Fakten bewegen seit vielen Jahren einzelne, ihr Verhalten zu ändern. Doch: „Wie kriege ich das in die Breite?“ hieß wiederholt eine Frage der Teilnehmer. „Die vielen, die etwas tun, ändern nichts an den großen Schalthebeln.“

Ganz so pessimistisch sieht Bettina Musiolek vom „Entwicklungspolitischen Netzwerk Sachsen“ die Situation nicht: „Es ist gesellschaftlicher Konsens geworden, dass sich etwas ändern muss.“ Aber es gebe Ängste etwa mit Blick auf die Kosten oder Unsicherheiten im Umgang mit der Vielzahl von Bio-, Öko- und Transfair-Labeln. Außerdem warnte Bettina Musiolek vor unrealistischen Zielen: „Wir müssen nicht alle überzeugen, aber unsere Kirchgemeinden sind erreichbar.“

Doch das ist schon schwer genug – trotz entsprechender Synodenbeschlüsse, die es inzwischen in vielen evangelischen Landeskirchen als Unterstützung von oben gibt. Die Kirche sei ein schlafender Riese, den es zu wecken gelte, sagt Petra Koths. 21 000 evangelische und 24 500 katholische Kirchengebäude gibt es in Deutschland. Dazu kommen Pfarr- und Gemeindehäuser sowie die Einrichtungen von Caritas und Diakonie. Das zeigt, über welche Marktmacht die Kirchen verfügen. Auch deshalb haben die Umweltbeauftragten der beiden großen Kirchen 2008 das Projekt „Zukunft einkaufen – glaubwürdig handeln in Kirchen“ gestartet. Damit sollen das Einkaufsverhalten einzelner aber auch die kirchliche Beschaffung insgesamt auf den Prüfstand sozialer und ökologischer Standards gestellt werden.

Petra Koths kennt die Diskussionen, in denen die Frage „Wie kann ich es preiswerter machen?“ über den Wunsch nach umweltfreundlichem Papier bei der Gestaltung des Gemeindebriefs siegt. Hier kann das Projekt „Zukunft einkaufen“ helfen, denn neben einer Vielzahl von Vorschlägen für entsprechende Aktionen in Kirchengemeinden, gibt es zahlreiche Checklisten, die auch helfen, Einsparpotentiale zu entdecken, die dann bei der Finanzierung eines anderen Einkaufsverhaltens helfen können. Über 150 Gemeinden machen inzwischen bei „Zukunft einkaufen“ mit. Weitere Interessenten sind willkommen.

Hinweise:
Weitere Infos: Internet: www.zukunft-einkaufen.de

Ansprechpartner im Bistum Dresden-Meißen: Ulrich Clausen, Tel. 0351 / 3364-705,
E-Mail ulrich.clausen@ordinariat-dresden.de