10.09.2011

Anstoss 35/2011

Sanitäter in der Not

Wir haben in Cottbus einen schönen Garten hinter der Kirche. Dort leben zwei Eichhörnchen. 

Die zwei Eichhörnchen unterhalten Kinder und Ministranten, wenn sie Fußball spielen. Der Garten steht eigentlich Tag und Nacht offen. Immer wieder kommen Leute von der Straße und schauen sich um. Die meisten laufen schnell weg, wenn man sie anspricht. Andere kommen immer wieder und machen eine kleine Pause im Grünen. Wieder andere kommen in der Nacht und lassen ihre leeren Flaschen bei uns liegen.
Vor ein paar Tagen war es wieder soweit. Vor der Sakristei lag ein leerer Flachmann. Also hatten wir nächtlichen Besuch. Der Gedanke an diesen armen Tropf, der sich mitten in der Nacht in einen Pfarrgarten setzt, um ungestört trinken zu können, beschäftigte mich bis in den Gottesdienst hinein. Ich dachte an ihn, wie man an ein Leben denkt, dass man selber auf keinen Fall führen möchte. Herbert Grönemeyer hat schon Recht, Alkohol erscheint vielen Menschen als ein „Sanitäter in der Not“. Zumindest glauben diese Menschen das. Von außen sehen wir es besser: Körper und Geist gehen langsam zugrunde.
Ein Alkoholiker kann seine Abhängigkeit irgendwann nicht mehr verbergen. Wir sehen es und sind im Stillen vielleicht froh, dass wir nicht so sind. Aber was ist mit den vielen Abhängigkeiten, die man nicht so leicht sieht, die unser Leben aber genauso zerstören? Was ist mit einsamen Menschen, die sich von ihrem Fernseher abhängig machen, bis sie das Leben vor der eigenen Haustür gar nicht mehr kennen? Was ist mit Menschen, die sich von der nächsten SMS abhängig machen, bis sie nur noch ihrem Handy hinterher laufen? Was ist mit Menschen, die sich von ihrem Erfolg abhängig machen, bis sie bereit sind, ihr Leben und das Leben anderer dafür zu opfern? Was ist mit Menschen, die sich vom Genuss abhängig machen, bis es ihnen egal ist, dass sie auf Kosten anderer leben? Was ist mit Menschen, die sich von ihrem Körper abhängig machen, bis sie ihn durch Sport oder Chemie zerstören? Es gibt viele „Sanitäter“, an denen das Leben in Wahrheit zugrunde geht.
Im Gottesdienst waren wir inzwischen beim Kyrie angekommen, und ich hatte das Beispiel des reichen Mannes im Kopf, zu dem Gott sagt: „Du Narr! Noch in dieser Nacht wird das Leben von dir zurückgefordert.“ (Lukas 12,13-21). Der reiche Bauer meint, sein Leben hinge von einer größeren Scheune ab. Gott zeigt es diesem Menschen auf die harte Tour; sein Leben ist in Gottes Hand. Im Kyrie bitten wir um das Erbarmen Gottes. Vielleicht geht es nur darum, uns daran zu erinnern, woran unser Leben wirklich hängt. „Habt keine Angst vor Christus! Er nimmt nichts und gibt alles“, hat Papst Benedikt in seiner Predigt zur Amtseinführung vor sechs Jahren gesagt. Viele „Sanitäter“ halten nicht, was sie versprechen. Jesus verspricht uns das Leben und hält, was er verspricht!
Kaplan Marko Dutzschke, Cottbus