23.04.2014

Anstoss 17/2014

Retten Sie Ihre Fastenvorsätze

Nele, die Schulfreundin einer unserer Töchter, hatte dieses Jahr einen besonderen Fastenvorsatz. „Ich verzichte auf Ärger!“; also auf das, was besonders wir Erwachsenen als Eltern und Lehrer zu bieten haben, wenn wir mit unserer Erziehung an Grenzen stoßen.

Toller Fastenvorsatz, dachte ich mir, aber was passiert damit nach Ostern?
Kommt jetzt wie ein Riesendonnerwetter all der aufgesparte und gefastete Ärger auf die arme Nele runtergeprasselt? Gibt’s jetzt zum Osterfest die gesammelten Strafen der Altvorderen? Kurz und gut. Der Verzicht auf Ärger ist ein Fastenopfer, dem man wünscht, dass damit zu Ostern nicht Schluss ist, sondern die Fortsetzung sogleich folgt.
Und hier sind wir bei einem Aspekt, der für gute Vorsätze, und Fastenopfer gehören da durchaus hin, gilt: Nichts Unmögliches verlangen, sondern erst mal vorsichtig testen, ob es durchzuhalten ist. Die Fastenzeit mit ihren überschaubaren 40 Tagen war dafür ganz gut. Und jetzt? Haben sie etwas geschafft, was sie gerne weiter durchhalten würden? Na dann los! Wenn es gut tut, gibt es keinen Grund, jetzt wieder in die alten Gewohnheiten zurückzufallen.  Denn, mal ganz ehrlich, der Sinn von Fastenopfern besteht doch nicht darin, dem lieben Gott zu zeigen, was für ein toller Typ man ist. Erst recht nicht wird es der liebe Gott darauf angelegt haben, dass wir mit möglichst verdrießlicher Miene die Zeit bis Ostern verbringen, um dann das Osterhalleluja umso fröhlicher zu singen. Der Verzicht in der Fastenzeit zeigt uns, ob wir die Dinge im Griff haben oder ob andersherum, wir von ihnen beherrscht werden. Fasten zeigt uns also, ob und wie frei wir sind.
Und so gibt es Freiheitsübungen, die wir bis Ostern aushalten – wenn es zu schwer war auch nicht – und solche, die wir fortsetzen können. Fastenopfer sind eine Freiheitsschule und wollen uns nicht überfordern. Okay, das war der erste Anstoß: Retten sie ihre Vorsätze in die österliche Zeit!
Jetzt kommt der zweite Anstoß. Die Freiheit, eben dies auch sein zu lassen. Ein sächsischer Bischof war starker Raucher. In der Karwoche, so wird berichtet, ließ er das Rauchen sein. Das spürte nicht nur seine Lunge, das ließ er auch alle merken, mit denen er zu tun hatte. Nach dem Segen der Osternacht ging es so eilig, wie es die Würde zuließ, in die Sakristei. Dort hielt der Küster schon das angezündete Zigarillo in der Hand, welches dann sehr schnell sein Ende fand. Und alle atmeten wieder auf. Ostern kann natürlich auch sein, mit dem Fasten Schluss zu machen. Weil ja so ziemlich alles, was Spaß macht, zum Fastenopfer taugt. Also genießen sie ihre Schokolade oder was immer sie in den letzten Wochen entbehren wollten. Nur Nele wünsche ich, dass auf Ärger auch weiter verzichtet wird, wenigstens bis Weihnachten!
Guido Erbrich, Magdeburg