27.10.2016

Anstoß 44/2016

Rechthaberei

„Der Herr ist der Gott des Rechts.“ Mit diesem Wort aus dem Buch Jesus Sirach im Kopf bin ich am vergangenen Sonntag nach dem Gottesdienst nach Hause gegangen. (Jesus Sirach 25,15b-22a)

Jesus Sirach gehört zur sogenannten Weisheitsliteratur. Gott wird darin als gerechter Richter vorgestellt, der das Schreien der Armen hört, die in der Welt oft überhört, übervorteilt oder einfach so übers Ohr gehauen werden.
Der gerechte Richter gehört zu den zentralen Hoffnungen des Volkes Israel. Am Ende wird es Gott sein, der den Unterdrückten zu ihrem Recht verhilft. Von Ihm haben wir nicht mehr und nicht weniger zu erwarten als Gerechtigkeit. Diese Hoffnung teilen wir mit den Israeliten. Jedes Mal, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, bekennen wir uns zu einem Gott, der kommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten. Ein Gericht, daran hat uns das ausgehende Jahr der Barmherzigkeit wieder und wieder erinnert, das wir nicht fürchten müssen, weil Gott barmherzig ist. Eine Barmherzigkeit, die Gerechtigkeit nicht aushebelt, sondern vollkommen macht.
Unsere Welt ist voller Ungerechtigkeiten, die wir nicht auflösen können. Das erfahren wir jeden Tag aufs Neue, wenn wir den Fernseher anschalten, ins Internet schauen oder noch eine Zeitung haben, die man aufschlagen kann. Das erleben wir mal passiv, wenn uns Unrecht widerfährt und dann wieder aktiv, wenn wir anderen Menschen Unrecht tun.
Aus dieser Erfahrung heraus wünschen wir uns, dass die Gerechtigkeit siegt. Und wenn nicht in dieser Welt, dann wenigstens bei Gott. Wenigstens am Ende müssen die vielen Ungerechtigkeiten eine Bedeutung haben. Die Opfer müssen zu ihrem Recht und die Schuldigen dürfen nicht einfach so davon kommen. Das klingt einleuchtend. Aber Hand aufs Herz: Bin ich wirklich auf der Suche nach einem gerechten Richter?
Wenn Kinder miteinander spielen, geraten sie oft über Kleinigkeiten in Streit. Sie fühlen sich ungerecht behandelt und schreien nach einem Richter. Papa, der da hat mir dieses oder jenes weggenommen. Mama, die da hat dieses oder jenes gemacht. Oft genug endet so ein Gericht mit schlechter Laune. Besonders dann, wenn das Urteil anders ausfällt als gedacht.
Da bin ich wieder bei meiner Frage: Sind wir wirklich auf der Suche nach einem gerechten Richter? Oft genug ist uns die Gerechtigkeit doch völlig egal, wenn wir nach einem Richter schreien. Das dürfte bei Erwachsenen nicht anders sein als bei Kindern. Wir suchen nicht, was recht ist, wir suchen jemanden, der uns Recht gibt. Ein kleiner, aber feiner Unterschied.
Der gerechte Richter, zu dem sich Juden und Christen gleichermaßen bekennen, hat wenig zu bieten für Menschen, denen es nur ums Rechthaben geht. Gerechtigkeit ist mehr und wenn wir ehrlich sind, wissen wir auch, dass wir mehr brauchen.

Pfarrer Marko Dutzschke, Cottbus