09.12.2015

Interview mit Peter Hahne

Raus aus der Heidenangst

„Frohlocket“ und „Freut euch“. Dazu fordern der Prophet Zefanja und der Apostel Paulus ihre Glaubensbrüder auf. Der evangelische Theologe und ZDF-Moderator Peter Hahne hat diese Lebensfreude verinnerlicht – und es ist ihm anzumerken. 

Peter Hahne meint: "Weihnachten ist das Fest der verpassten Chancen." Foto: Swea Pietschmann/ZDF

Herr Hahne, wer freut sich mehr? Evangelische, katholische oder orthodoxe Christen?

Manche Christen sehen leider so aus, als wären sie dauernd auf dem Weg zum Zahnarzt. Für uns sollte Freude die Grundstimmung sein, denn Glaube ist nichts für die Randzonen des Lebens. 

Freude dürfen wir aber nicht mit Spaß verwechseln. Spaß ist, wenn ich einen Fingerhut Benzin ins Auto kippe und kurz davonbrause. Freude bedeutet, wenn der Tank voll ist und für mein ganzes Leben reicht. Das kann uns nur Jesus Christus bieten: echter Kraftstoff mitten ins Herz. Und das fast zum Nulltarif.

 

Freuen Sie sich auf Weihnachten?

Ach, Weihnachten ist das Fest der verpassten Chancen. Mir graut schon jetzt davor, was alles gepredigt wird: „Siehe, ich verkündige euch große Probleme.“ Wir brauchen aber keine Tagesschau von der Kanzel, in der wir durch das ganze Jammertal der Welt geführt werden. 

Viele Gottesdienste sind leider Etikettenschwindel. Wo Kirche draufsteht, muss Bibel drin sein. Die Qualität eines guten Pfarrers erkenne ich daran, was er Weihnachten und bei Beerdigungen sagt, weil er dort oft Menschen vor sich hat, die nur ein einziges Mal das Evangelium zu hören kriegen: „Lasst euch versöhnen mit Gott, kommt heim zum Vater.“ So kann aus der Heidenangst des „einmaligen“ Kirchenpublikums echte Christusfreude werden.

 

Wer sind für Sie überzeugend frohe Menschen?

Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, sagte: „Martin Luther ist katholischer als wir Katholiken heute.“ Und nach Luther ist die Freude der „Doktorhut des Glaubens“. Darum haben wir alle einen Doktortitel in den Genen. Das sollten wir Christen uns auch mal anmerken lassen.

 

Im Lesungstext schreibt Paulus an die Philipper: „Eure Güte werde allen Menschen bekannt.“ Sollen wir auch unter Flüchtlingen missionieren?

Alle Hilfe, die von christlicher Seite kommt, muss als Absender die Frohbotschaft im Rücken haben. Kirchliches Engagement darf nicht ein Verzicht auf das Glaubensbekenntnis sein nach dem Motto: Wir lassen sie in Ruhe mit unserer Mission, füllen allein Asylanträge aus und die Kleiderschränke auf. Paulus und Petrus haben unter Lebensgefahr missioniert. Gastfreundschaft allein reicht nicht. Ohne Jesus gehen Menschen verloren. 

 

Evangelische Kirchenleiter warnen aber davor, die Notlage dieser Menschen auszunutzen.

Ausnutzen? Wir müssen doch mit diesen Menschen das Beste teilen, was wir haben. Nämlich die Botschaft von Jesus. Alles andere wäre kalter Egoismus. Wir sollten auch Probleme ansprechen, die Christen in den Flüchtlingslagern durch Muslime bekommen. Die Jahreslosung „Nehmt einander an“ heißt jedenfalls nicht, dass wir alle Gegensätze unter den Tisch kehren dürfen.

 

Ihr Buch „Niemals aufgeben“ diskutiert Deutschland. In der Berliner "Parlamentsbuchhandlung“ liegt es neben einer Koranauslegung ...

... was mich überhaupt nicht stört. Im Gegenteil: Die Leute sollen den Koran lesen, damit sie endlich erkennen, welch einen politischen Anspruch diese Religion hat. Die „Scharia-Polizei“ ist so ein Auswuchs. Das habe ich in meinem Buch unmissverständlich geschrieben. Auch wenn der eindeutig größte Teil der in Deutschland lebenden Muslime Gewalt natürlich ablehnt, ist der Islam noch lange keine Friedensreligion. 

Mich stört, dass Kirchenleute wie EKD-Chef Heinrich Bedford-Strohm im Kuratorium des Islamzentrums München mitarbeiten. Ein überzeugter Muslim will kein anbiederndes Multi-Kulti-Larifari. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mich ein Muslim nur ernst nimmt, wenn ich einen festen Standpunkt habe und meinen christlichen Glauben offensiv vertrete. Wenn alles gleich gültig ist, dann ist alles gleichgültig.

 

Zuletzt haben Sie in einem Interview gesagt, dass der Wechsel zur katholischen Kirche für Sie kein Tabu mehr ist.

Die EKD-Oberen konzentrieren sich stark auf politische Ratschläge, statt das Kreuz im Mittelpunkt zu lassen. Das bin ich einfach leid. Über 17 Jahre gehörte ich dem Rat der EKD an. Dort habe ich erlebt, dass wir für Gremien mal Persönlichkeiten vorschlugen, die längst katholisch waren. Zum Glück haben wir so etwas immer rechtzeitig bemerkt (lacht).

 

Wie kann sich die Kirche ändern?

Kirche verspielt ihr Kapital, wenn sie religiöse Leckerbissen statt biblisches Schwarzbrot bietet. Solange das Geld dank Schäubles Steuerüberschüssen noch sprudelt, wird sich auch nichts ändern. Austritte können ein Druckmittel sein. Die anglikanische Kirche ist vor 20 Jahren finanziell in die Knie gezwungen worden und war fast pleite. Erst dadurch änderte sich etwas. Die haben inzwischen fast nur fromme Bischöfe. 

Die EKD muss endlich wieder Antworten auf die großen Menschheitsfragen geben. Wie werde ich mit meiner Schuld fertig? Wie kriege ich Sinn in mein Leben? Wie will ich sterben? „Freuet euch!“ kommt 366-mal in der Bibel vor, für jeden Tag also. Das ist Maßarbeit Gottes.

Interview: Axel Rothkehl