16.11.2017

Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus

Psychotherapie und Religion

Im Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus werden psychisch kranke Patienten aus rund 70 Ländern betreut. Bei der Behandlung wird auch die Kraft der Religion und ihrer Rituale genutzt, um Integrationsprobleme zu lindern.


Eine Arzt-Patienten-Konsultation. | Foto: Roland Horn, Alexianer St. Hedwig-Krankenhaus


Alle Stühle im Wartebereich der Ambulanz sind besetzt. Türkische und englische Gesprächsfetzen schwirren durcheinander. Es klingt wie auf der Müllerstraße im Wedding. Die genaue Bezeichnung „Interkulturell kompetente Psychiatrische Institutsambulanz der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St.-Hedwig-Krankenhaus“ kann wohl kaum einer fehlerfrei aussprechen. Eva Janina Brandl lacht: „Vielleicht sollten wir uns einen einfacheren Namen ausdenken.“ Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie gehört zum Team von Ärzten, Psychologen, Pflegekräften und Sozialarbeitern. Gemeinsam betreuen sie psychisch kranke Patienten aus rund 70 Ländern. Demzufolge sind auch Dolmetscher täglich im Einsatz. Anders wäre eine „sprechende Therapie“ wie die Psychotherapie nicht möglich.
Die Ambulanz im St.-Hedwig-Krankenhaus sei eine „ganz normale Einrichtung – nur eben mit hohem Ausländeranteil“, sagt die Ärztin. „Damit werden wir der Bevölkerung in unserem Einzugsgebiet Wedding und Tiergarten gerecht, wo mehr als 60 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund haben.“ Auch zahlreiche Mitarbeiter beherrschen außer Deutsch eine zweite Sprache, zum Beispiel Italienisch, Türkisch, Russisch oder Farsi.

Kulturelle Herkunft bei Beratung entscheidend
Kommt ein Patient zum ersten Mal in die Ambulanz wird zunächst geklärt, ob ein Dolmetscher gebraucht wird. „Ich frage dann nach seinen Beschwerden, und wie er nennt, was ihm zu schaffen macht“. Dadurch bekomme sie ein Gefühl dafür, wie er sein Leiden einordne: „In vielen Ländern gibt es keine Psychiatrie, wie wir sie kennen. Patienten von dort wollen Medikamente, keine Gespräche.“ Manche haben auch kulturell geprägte Erklärungen: „Sie sagen, sie seien von einem bösen Geist besessen oder verflucht. Dann ist es mühselig zu vermitteln, dass Rückenschmerzen, Schlappheit und Traurigkeit auf eine Depression hinweisen.“
In weiteren Konsultationen werde besprochen, ob eine muttersprachliche Einzeltherapie oder eine Gruppentherapie angezeigt sei. „Ich denke dann vielleicht: Ergotherapie wäre genau richtig, aber der Patient schüttelt den Kopf: ‚Ich geh doch nicht in eine Gruppe!‘“, erzählt die Ärztin. „Dabei sind Angebote wie Holzarbeiten, Nähen, Kochen, Schwimmen oder Ausflüge und Museumsbesuche gerade für Geflüchtete gut geeignet, um den Alltag zu üben.“
Die anhaltend steigende Zahl von Patienten mit Fluchthintergrund zeigt: Das kultur- und sprachsensible Angebot der Ambulanz wird angenommen. Aufgrund brutaler Erlebnisse im Herkunftsland oder während der Flucht leiden viele an posttraumatischen Belastungsstörungen. „Wenn die Geflüchteten bei uns dann lange auf den Asylentscheid warten, also in ungesicherten Bedingungen leben müssen, verschlechtert sich ihr Zustand.“
Besonders türkischen und arabisch-stämmigen Männern mache es zu schaffen, ihrer Rolle als Ernährer der Familie nicht gerecht werden zu können. Wobei die Familie den Heilungsprozess unterstütze, „weil der Zusammenhalt in muslimischen Familien groß ist. Ältere Kinder kümmern sich um die jüngeren, um die Eltern; es gibt wenig Geschiedene, wenig Vereinsamte.“

Dr. Eva Janina Brandl | Foto: privat

Einstellung zur Psychiatrie
Auch die psychotherapeutische Kraft der Religion und ihrer Rituale werde genutzt, betont die Psychiaterin: „Besonders Muslime erleben ihren Glauben als hilfreich. Er stützt sie im Alltag und schützt sie davor, Suizidgedanken in die Tat umzusetzen.“
Die Öffnungszeit der Ambulanz ist fast vorüber, noch immer sitzen Patienten im Wartebereich. „Wir kommen an unsere Grenzen“, sagt Eva Janina Brandl. Trotzdem würden die meisten ihrer Kollegen gern hier arbeiten. Sie selbst auch. Weil es spannend ist, durch die Lebensgeschichten der Patienten andere Kulturen kennen und verstehen zu lernen. Für die Fachärztin kommt der wissenschaftliche Aspekt hinzu, „die Einstellung zur Psychiatrie in den verschiedenen Kulturen erforschen zu können“.

Von Juliane Bittner