10.09.2011

Anstoss 34/2011

Ohnmächtige Gute und Gerechte

Unregelmäßig bekomme ich Besuch von einem Mann, der von sich selbst behauptet, er sei ein  „gläubiger Atheist“.

Er war vor Jahren mehr durch Zufall in einen meiner Glaubenskurse reingerutscht und hatte dort auch teilgenommen und eifrig mitdiskutiert. Doch dann konnte er sich nicht zur Taufe entschließen. Als der Kurs zu Ende ging, war er derjenige, der das am meisten bedauerte.
Seither besucht er mich, wenn er in der Stadt ist und Zeit hat. Ich freue mich darüber und schaue, ob ich meine Arbeit nicht einige Minuten liegen lassen kann, weil er mir oft seine neuesten Überlegungen zu religiösen und philosophischen Themen vorträgt. Wir Hobbyphilosophen diskutieren dann über den Sinn des Universums. Das ist manchmal amüsant, manchmal ernst und immer anregend.    
Von ihm bekam ich vor einiger Zeit einen Zettel mit einem Satz, der ihm wichtig geworden war. Er hatte ihn bei Albert Einstein gelesen, für gut befunden und kurzerhand zum Motto einer Fahrradtour erklärt: „Wie ohnmächtig die guten und gerechten Menschen auch sein mögen, nur sie allein machen das Leben lebenswert.“
Ich war verwundert und auch ärgerlich, dass Einstein den guten und gerechten Menschen bescheinigt, sie seien „ohnmächtig“. Doch beim darüber Nachdenken fand ich dann leider viele Beispiele! Allein in Leipzig gibt es so viele Menschen, die sich in den Kirchen, aber auch in Selbsthilfegruppen oder Vereinen zum Wohl anderer einsetzen: Beispielsweise gestaltet jede Woche eine Gruppe das Friedensgebet der Nikolaikirche – es gibt also allein dort über 50 Gruppen! Und was bewirken sie? Warum können all ihre Anstrengungen und Bemühungen die geistige, geistliche oder materielle Armut in Leipzig so wenig lindern?
Der zweite Teil des Satzes gibt allerdings angesichts dieser Situation eine Erfahrung wider, die ich mit Einstein teile: Was wäre Leipzig, was wäre die Welt ohne diese Leute?      
Wenn man sich für andere Menschen engagieren will, muss man sich klarmachen, dass die „Erfolge“ nicht immer so strahlend präsentiert werden können, wie man das gerne hätte. Und wenn es ganz mies läuft, kriegt man, je nach Situation nicht mal ein „Danke“. Und wenn es noch mieser läuft, kann man auch scheitern.
Was könnte einen Menschen angesichts dieser Lage bewegen, trotzdem zu hoffen? Ich denke mir, dass solche Menschen aus einer inneren Gewissheit leben, dass sie einen Wert jenseits des Erfolgs kennen, der allein das Leben rechtfertigt.
Und wir, die wir solche Menschen kennen, sollten sie unterstützen und uns auf diese Seite schlagen.
Schwester Susanne Schneider, Missionarinnen Christi. Kontaktstelle Orientierung Leipzig