31.03.2013

Kunstausstellung zu Missbrauch und Gewalt an Kindern in der Christlichen Akademie Halle

Öffentlichkeit für ein Tabuthema

„Märchenbilder“ ist eine Ausstellung überschrieben, die seit kurzem in der Christlichen Akademie für Gesundheits- und Pflegeberufe in Halle zu sehen ist. Gezeigt werden 16 Gemälde der Künstlerin Julia Wegat, die den Themen Missbrauch und Gewalt an Kindern gewidmet sind.

   

 

 

Halle. In den Märchen der Gebrüder Grimm sind Kinder immer wieder bösen Gestalten ausgesetzt. „Meine Märchenbilder sind freie Bearbeitungen der bekanntesten dieser Märchen“, sagt die Künstlerin Julia Wegat über ihre Gemälde, die Titel wie „aschenputtel“, „dornröschen“, „rotkäppchen“, „schneewittchen“ und „hänsel & gretel“ tragen. „Auf eine Art entkleiden die Bilder diese Märchen auf ihren Grundgehalt, ihren Schrecken, und werfen sie uns buchstäblich nackt, schutzlos, verletzt, versehrt entgegen, zusammen mit all den Ängsten, die diese Märchen schüren und hegen.“

Die in den Jahren 2004 bis 2010 entstandenen, 16 großformatigen Gemälde sind äußerst eindrücklich: Julia Wegats „Märchenbilder“ erzählen von Missbrauch, Gewalt, Verlassenheit und Sehnsucht. Sie spiegeln Angst und Schmerz, die das ganze Leben der dargestellten (Märchen-)Kinder begleiten werden. „Meine Bilder wissen, dass das Leben gefährlich ist“, stellt die 1969 in Dortmund geborene Künstlerin im Gespräch über die Ausstellung fest.

„Schon beim ersten Betrachten wird deutlich, dass sich Julia Wegat nicht in Gefilde weltfremden Romantisierens begibt, sondern mit dem Mut zum Skandalon die Vielschichtigkeit und Brutalität der Grimmschen Hausmärchen in Schicksalen des 21. Jahrhunderts aktualisiert“, schreiben Frieder Badstübner und Dr. Manfred Brümmer auf einem Flyer zur Ausstellung. Als Geschäftsführer der Christlichen Akademie für Gesundheits- und Pflegeberufe in Halle (Ausbildungsstätte des Martha-Maria-Krankenhauses Halle-Dölau und des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara Halle) ermöglichen sie, dass die Bilder Wegats erstmals öffentlich präsentiert werden. Bisher habe niemand den Mut dazu gehabt, sagt Badstübner. Und dies, obwohl körperliche und seelische Übergriffe auf Kinder häufig geschehen und alle wissen, „dass dies zu allererst im Kreise von Freunden und der eigenen Familie geschieht. Um es zeigen zu können, muss man sich dem Leid annähern, muss man nicht nur die Sensibilität dafür entwickeln, sondern den genauen Blick, die Wahrnehmung aller Sinne, um dann auf die Leinwand bringen zu können, was Schmerz ist und Leiderfahrung und Verlassenheit“, so Badstübner. „Das aber findet nicht nur Zustimmung, sondern auch Distanzierung und Ablehnung. Dennoch meinen wir, dass es wichtig ist, als Christliche Akademie dieses Thema auf diese eher ungewöhnliche Weise zur Sprache zu bringen.“

Die Ausstellung soll den Betroffenen Gehör verschaffen. Und sie soll Impulse für eine sachgerechte und sensible Auseinandersetzung mit dem Thema und den Werken von Julia Wegat setzen.

Die Künstlerin ist als Schülerin des österreichischen Künstlers Gottfried Helnwein für ihre plakativ-emotionalen Übermalungen eigener Bilder bekannt geworden. Sie studierte an der Akademie der bildenden Künste München bei Ben Willikens und nahm unter anderem an einem Workshop von Christo und Jeanne-Claude teil. Wegat lebt und arbeitet derzeit in Gimritz im Saalekreis. Sie erhielt bereits mehrere Kunstpreise.

Eckhard Pohl

Hinweis

Die Ausstellung, die durch einen kleinen Katalog ergänzt wird, ist bis 30. April in der Villa Rabe in Halle, Riveufer 5, montags bis freitags, von 9 bis 16 Uhr zu sehen. Am 16. April, 19.30 Uhr, findet vor Ort ein Themenabend zur Ethik des Umgangs mit Missbrauch und Gewalt im Kindesalter statt. Professor Florian Steger vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Halle hält zum Einstieg in das Gespräch ein Kurzreferat. 

Mehr Infos: www.christliche-akademie-halle.de