10.12.2015

Anstoß 50/2015

„O Tannenbaum“

Auch in diesem Jahr werden wieder Millionen Tannenbäume gekauft und finden ihren Platz im Wohnzimmer, in der Kirche, im Kloster. Und schon seit Wochen schmückt der größte Tannenbaum den Leipziger Weihnachtsmarkt.

Ja, zur Advents- und Weihnachtszeit gehörten der Tannenbaum und bestimmte Rituale, die sich alljährlich wiederholen. Bei uns zu Hause kaufte mein Vater den Tannenbaum und meine Mutter schmückte  ihn mit Lichterketten, Kugeln und Lametta. Ja, früher gab es mehr Lametta. Und wir Kinder durften diesen geschmückten und erleuchten Baum erst am Heiligen Abend bestaunen. Und dann das gemeinsame Liedersingen. Dazu gehörte auch das Lied „O Tannenbaum“. Und wir sangen die erste Strophe immer mit den Zeilen:
„O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter. Du grünst nicht nur zur Weihnachtszeit, nein auch im Winter, wenn es schneit. O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter.“ Heute weiß ich, dass dieser Text auf einem von Melchior Franck verfassten schlesischen Volkslied des 16. Jahrhunderts beruht, welches 200 Jahre später von Joachim August Zarnack als tragisches Liebeslied umgedichtet wurde. Deshalb heißt es bei ihm nicht,  „O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter“, sondern, „wie treu sind deine Blätter“. Und es drängt sich die Frage  auf, wie überhaupt die Blätter der Tanne treu sein können. Als Antwort dient die Absicht des Dichters Zarnack, es als Liebeslied zu schreiben. Es war ursprünglich kein Weihnachtslied, sondern ein Liebeslied, zumal es nur diese erste Strophe gab und erst viel später die anderen Strophen folgten. Und der Dichter weiß, in der Liebe gibt es nicht nur Treue, sondern auch die Untreue des Geliebten oder der Geliebten. Aber wie das Grün der Tanne im Sommer und im Winter bleibt, wie es nicht verwelkt und vergeht, wie es somit treu ist, so soll auch die Liebe zwischen den Menschen treu sein und treu bleiben und niemals verwelken und vergehen. So ist das Bild der Tanne eine Vorlage für die unvergängliche Treue und Liebe zwischen den Menschen.
Für mich ein schönes und überzeugendes Bild. So ist der Tannenbaum mehr als ein schönes Schmuckstück innerhalb der Weihnachtszeit. Er ist mit diesen Zeilen auch ein Liebesbaum und steht für die Liebe und Treue zwischen den Menschen, gerade auch am Weihnachtsfest, am Fest der Liebe. Aber er steht auch für die Liebe und Treue zwischen Gott und den Menschen. Und so bekommt dieser Tannenbaum für mich noch mehr Sinn und Freude, ihn aufzustellen. Und die Krippe mit Maria, Josef und dem Jesuskind findet unter diesen Tannenbaum ihren Platz. Denn Jesus, der Mensch wird aus Liebe zu uns, zeigt uns seine Liebe und Treue. Und seine Liebe und Treue grünt im Sommer und im Winter und zu allen Zeiten. Und deshalb dürfen wir das Lied „O Tannenbaum“ das ganze Jahr über singen und nicht nur zur Weihnachtszeit. Dazu ist die dritte Strophe passend:
„O Tannenbaum, o Tannenbaum, dein Kleid will mich was lehren. Die Hoffnung und Beständigkeit, gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit. O Tannenbaum, o Tannenbaum, dein Kleid will mich was lehren.“

Pater Josef kleine Bornhorst, Dominikanerkloster St. Albert Leipzig