10.04.2012

Asylbewerber und illegal in Deutschland lebende Ausländer brauchen besseren Gesundheitsschutz

Nur nicht krank werden ...

„Armut macht krank“ – das gilt nicht nur für Deutsche. Auch viele Ausländer, die in Deutschland leben, sind betroffen – manchmal mit gravierenden Folgen.

Von Matthias Holluba
Magdeburg. Thang Ngoc Nguyen (Name geändert) hätten seinen Wunsch, in Deutschland zu leben, fast mit dem Leben bezahlt. Zu DDR-Zeiten war der Vietnamese als Vertragsarbeiter nach Magdeburg gekommen, wurde aber während der Wende arbeits- und obdachlos. Im Oktober 1990 kehrte er zurück in seine Heimat und hoffte dort Arbeit zu finden. Weil er aber keine Arbeit fand und mit der Situation in Vietnam nicht klarkam, reiste er im
Februar 2002 erneut nach Deutschland. Seinen Status als Vertragsarbeitnehmer hatte er durch seine Rückreise  verloren. So blieb ihm nur der Asylantrag, der im März 2003 abgelehnt wurde. Nur noch geduldet, konnte er jederzeit abgeschoben werden. Im Juli 2006 tauchte Thang Ngoc Nguyen unter und lebte fortan in der Illegalität. Eines Tages ging es ihm gesundheitlich sehr schlecht. Er wandte sich an die Caritas, bat um Hilfe. Gemeinsam mit Medinetz (einem von Medizinstudenten gegründeten Verein, der Menschen ohne Papieren ärztliche Hilfe vermittelt) konnte er gerettet werden. Die Ärzte stellten fest, dass er eine schwere Herzkrankheit hatte und daran fast gestorben wäre.
Monika Schwenke kennt Schicksale wie dieses. Zuständig für den Migrationsdienst beim Diözesancaritasverband Magdeburg und außerdem Vorsitzende der Härtefallkommission von Sachsen-Anhalt, die in letzter Instanz über den Aufenthalt abgelehnter und ausreisepflichtiger Asylbewerber entscheidet, hat sie täglich damit zu tun. Monika Schwenke ist für alle Migrantengruppen zuständig, egal welchen Aufenthaltsstatus sie haben oder ob sie sich legal hier aufhalten. Abgesehen davon, dass Menschen mit Migrationshintergrund ohnehin ein höheres Armutsriskio haben und sich deshalb bei ihnen der Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit deutlicher auswirkt, will Monika Schwenke im Zusammenhang mit dem Caritas-Jahresthema den Blick besonders auf Asylbewerber und Illegale lenken.
Jeder Mensch kann krank werden, auch Asylbewerber. Asylbewerber sind aber häufig schon aufgrund der Erlebnisse während der Flucht aus der Heimat psychisch angeschlagen. Viele leiden unter einem Posttraumatischen Belastungssyndrom, manche erkranken daran auch körperlich. Doch das Asylbewerberleistungsgesetz sieht nur allgemeinmedizinische und zahnärztliche Behandlung von akuten Erkrankungen vor. Vorsorge und begleitende Fürsorge gibt es nicht.
Während Asylbewerber noch eine Grundversorgung haben, fällt bei  Illegalen auch diese weg. Schätzungsweise eine halbe bis eine Million Menschen lebt illegal in Deutschland. Das sind nicht nur jene, die nach Ablehnung ihres Asylantrags untergetaucht sind. Dazu zählen auch die aus u.a. Osteuropa stammenden, schwarzarbeitenden privaten Haushalts- und Pflegekräfte. Wer krank wird, kann nur hoffen, über Wohlfahrtsverbände oder Vereine wie Medinetz Ärzte zu finden, die kostenlos behandeln. Oder er bleibt auf der Rechnung sitzen, wenn er sich überhaupt zum Arzt traut. Das können dann für einen dreitägigen Krankenhausaufenthalt ohne Operation schon mal 1400 Euro sein.
Für Monika Schwenke ist das Caritas-Jahresthema ein guter Aufhänger, an eine alte Forderung der Wohlfahrtsverbände zu erinnern: die Abschaffung des Asylbewerberleistungsgesetzes. „Asylbewerber sind noch schlechter gestellt als Hartz-IV-Empfänger.“ Erwachsene, die im Asylbewerberheim leben, erhalten beispielsweise „zur Deckung der persönlichen Bedürfnisse des täglichen Lebens“ – wie es im Gesetz heißt – monatlich 40 Euro. Stattdessen sollte für sie die Sozialgesetzgebung gelten, dann wären sie auch in gesundheitlicher Hinsicht besser versorgt, meint Monika Schwenke.
Doch mit Gesetzesänderungen ist es nicht getan. „Jeder kann etwas tun, damit es in unserem Land eine Willkommenskultur gibt“, sagt Monika Schwenke, ohne zu verkennen, dass es auch Menschen gibt, die nicht leicht zu integrieren sind. Die Liste der Möglichkeiten ist lang: So wünscht sich Monika Schwenke einen Fonds, aus dem sie Menschen in Notlagen helfen kann. Aber es muss nicht immer Geld sein. Eine Sprachpatenschaft, die Einladung einer Asylbewerber-Familie zum Osterfest oder der Kontakt einer Pfarrgemeinde zum benachbarten Asylbewerberheim sind genauso wirkungsvoll. Gefragt sind auch Fachkräfte: Momentan mangelt es an Kinderärzten und Kinderpsychologen, für die Betreuung von Asylbewerberfamilien in Notsituationen.
Thang Ngoc Nguyen ist dank solcher Hilfsbereitschaft am Leben. Und: Er muss nicht mehr in der Illegalität leben. Er hat aufgrund seiner Krankheit einen Aufenthaltsstatus in Deutschland erhalten. Nun kann er nicht nur normal zum Arzt gehen, sondern auch normal leben – ohne Angst, entdeckt und abgeschoben zu werden.

Kontakt: Monika Schwenke, Referat Migrationsdienste, Tel. 03 91 / 6 05 32 36, E-Mail: monika.schwenke@caritas-magdeburg.de; Homepage des Vereins Medinetz: www.medinetz-magdeburg.org

Kommentare

"Nun kann er nicht nur normal zum Arzt gehen.. " wunderbar, und das auf unsere Kosten! Der Staat ist hoffnungslos verschuldet, aber dennoch wollen wir das Sozialamt für die Welt sein

<p>Lieber Gast, vom Christlichen - und das hier ist die Homepage einer christlichen Zeitung - ist der Standpunkt klar: „Was immer ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan“, sagt Jesus im Matthäusevangelium (25,45). Aber auch, wenn man den christlichen Glauben nicht zur Grundlage seiner Wertorientierung hat. Wir sind verantwortlich für unsere Menschenbrüder und -schwester, die nicht das Glück hatten, wie Sie und ich im Wohlfahrtsstaat Deutschland geboren zu sein. Und wenn Ihnen das immer noch zu selbstlos ist, Sie können das auch ganz egoistisch begründen: Das geschieht nämlich in Ihrem eigenen Interesse. Eines Tages werden die Menschen aus Vietnam, Bangladesh oder Äthiopien vor unserer Wohnungstür stehen und sich das holen, wovon sie meinen, dass es nicht nur uns, sondern auch ihnen zusteht.</p> <p>Lesen Sie die Geschichte von Thang Ngoc Nguyen ruhig noch einmal. Und dann machen Sie drei Minuten die Augen zu und stellen sich vor, Sie seien Thang Ngoc Nguyen. Und dann schreiben Sie hier mal, was sie denken. Da bin ich sehr gespannt drauf.</p> <p>Matthias Holluba</p>