30.01.2014

Anstoß 5/ 2014

Nordrhein-Westfälische Morgenstimmung

Vier Uhr früh – mitten in der Nacht wird die Wohnungstür aufgerissen. Polizei stürmt in die Zimmer. Der Vater wird ans Bett gefesselt, die Kinder weinen. Die Mutter wird auch nicht zum schreienden Baby gelassen. Die Familie hat kurz Zeit, für jeden das Nötigste zu packen. Der Rest bleibt zurück.

Anstatt in den Kindergarten und in die Schule geht es an diesem Morgen zum Flughafen und nach ein paar Stunden sitzen Vater Mutter und fünf Kinder im Kosovo. Ein Land, in dem die Kinder noch nie gewesen sind und dessen Sprache sie nicht sprechen. Die Kinder trauen sich nicht auf die Straße. Sie können nicht zur Schule gehen, da sie nur Deutsch und ein wenig Roma sprechen und kein albanisch. Die Eltern gehen nicht zur Arbeit, sondern sitzen arbeitslos zu Hause. Es ist das Gesicht der Abschiebung für Roma, die als Bürgerkriegsflüchtlinge nach Deutschland gekommen sind.
So haben die jungen deutschen Journalisten Chris Grodotzki und Ruben Neugebauer die Familie besucht und in der neuen Ausgabe des Magazins Tonic davon berichtet. Die beiden schauen auf das Schicksal der Familie nicht mit den Augen der Abschiebebehörden, sondern sie sehen direkt in die Augen der Kinder, die aus allen Beziehungen ihres Lebens herausgerissen wurden. Eigentlich möchten sie nur zurück nach Hause in die Vollmerstraße eins in Beckhum/Nordrhein-Westfalen. In Albanien waren sie nie.

Und dann spielt es auf einmal keine Rolle mehr, ob es Roma-Kinder sind und dass der Krieg im Kosovo vorbei ist. Da kann jeder mitfühlende Mensch sehen, dass diese Kinder zutiefst verstört sind und nicht begreifen können, was hier passiert. Während es in vielen Ländern der Welt duraus eine Rolle spielt, wo Menschen auf die Welt kommen, wenn es darum geht, welche Verantwortung auch ein Land für die in seinen Grenzen Geborenen hat, gilt in Deutschland allein die Herkunft der Eltern als Kriterium.  
Ist es wirklich noch zeitgemäß, in einer globalisierten Welt die Vorteile der Weltwirtschaft zu nutzen und die Nöte von Menschen möglichst außen vor zu lassen und aus dem Blickfeld zu bringen? Gerade am Umgang mit den Schwächsten und Kleinsten wird deutlich, wie unmenschlich politische Entscheidungen sein können.

Dieses Bild einer sich mehr und mehr abschottenden reichen Welt ist das, was Papst Franziskus als unmenschliches System anklagt und was die beiden jungen Redakteure offen und ohne politische Rücksicht beschreiben. Und es sollte keinen Grund geben, sich damit abzufinden.
Guido Erbrich, Roncalli-Haus, Magdeburg