09.11.2016

Anstoß 46/2016

Nicht vom Brote allein

Es ist jetzt sechs Jahre her. Da ging ein kleiner Junge von Haus zu Haus und sammelte Spenden. Allerdings kein Geld, sondern Plüschtiere.

Diese Begebenheit hatte es damals bis ins Fernsehen geschafft. Warum er das tat? Vielleicht erinnern Sie sich noch: vor sechs Jahren, im Juli und  August, gab es in Pakistan eine mörderische Flutkatastrophe. Es war, so hieß es, die schlimmste Überschwemmung in der Geschichte des Landes. Fast zwei Millionen Häuser waren betroffen, und mehr als 17 Millionen Menschen. Etliche fanden den Tod. Das Fernsehen übertrug Bilder der verheerenden Ausmaße, die die Katastrophe brachte, berichtete aber auch von den vielen Hilfsaktionen, die gestartet wurden. Und von diesem kleinen Jungen, der von Haus zu Haus ging, um Teddys und Co. zu sammeln.  Plüschtiere, so meinte der Junge, seien auch lebensnotwendig. Wer Angst oder Kummer  hat, ist froh, wenn er seinen Teddy ganz fest an sich drücken kann. Da ist man nicht mehr so allein. Mir fiel diese Begebenheit wieder ein im Zusammenhang mit der Nachricht, dass sich in diesen Tagen 6000 Obdachlose mit dem Papst in Rom treffen. Unter ihnen auch eine Gruppe aus Leipzig. Ich habe einige meiner Freunde und Bekannten gefragt, wie sie das finden, dass obdachlose Menschen auf Einladung des Papstes nach Rom fahren. Die Antworten fielen allesamt positiv aus, auch von denen, die mit Kirche oder Glauben wenig bis gar nichts zu tun haben. Und von nicht einem kam die Frage: „Könnte man das Geld für die Reise nicht besser, im Sinne von nutzbringender,  verwenden?“ Mir schoss nämlich dieser Gedanke durch den Kopf, obwohl auch ich überzeugt bin, dass es Dinge oder Situationen gibt, bei denen herkömmliche Kosten-Nutzen-Rechnungen fehl am Platz sind.
Genauso bin ich überzeugt, dass die Wohnungslosen, die vielleicht gerade in dem Moment, in dem Sie diese Zeitung lesen, mit dem Papst einen Gottesdienst feiern, etwas geschenkt bekommen, das sie länger (und natürlich anders) sättigt als das tägliche Brot. Zum Leben gehört eben nicht nur die Erfüllung oder das Gewähren des Notwendigen. Klar, man kann damit überleben, aber auch nur das. Sind es nicht die Zeichen der Wertschätzung, die uns innerlich wachsen, die Fülle des Lebens spüren und  die Seele singen lassen? So handelt Gott an uns; so zeigt es Papst Franziskus gerade der ganzen Welt. Naja, und irgendwer ist immer in der Nähe, an dem wir genauso handeln können.

Andrea Wilke, Erfurt