02.10.2014

Anstoß 40/2014

Nicht perfekt

Kürzlich wäre ich beinahe ausgeflippt: Ich hatte einer Bekannten geholfen, eine schriftliche Hausarbeit für die Uni zu korrigieren.

Wir hatten tagelang gesessen und ich hatte mit ihr Formulierungen geprüft und Satzzeichen gesetzt und verworfen, Rechtschreibfehler korrigiert und sogar Fußnoten auf ihre formale Richtigkeit untersucht. Zum Schluss waren wir so weit, dass sie nur noch eine Zusammenfassung im Schlusskapitel formulieren sollte. Also maximal zwei Seiten ohne neue Inhalte. Aber es ging nichts vorwärts – sie zögerte es hinaus! Zunächst war es so, dass sie bis zum Abgabetermin noch etwas Zeit hatte und da verstand ich, dass sie mit anderen Dingen beschäftigt war.
Doch dann rückte der Abgabetermin unerbittlich näher. Und trotzdem machte meine Bekannte keine Anstalten, sich ans Schlusskapitel zu setzen. Als ich sie fragte, wie sie sich das vorstelle, meinte sie, sie hätte noch diesen und jenen Fehler gefunden und so mangelhaft könne sie die Arbeit niemals abgeben. Schließlich war der Termin verstrichen und unsere Arbeit damit umsonst.
Durch diesen Vorfall hellhörig geworden, stellte ich im Verlauf der weiteren Gespräche den Grund für ihr Verhalten fest: Sie wollte eine absolut perfekte Arbeit abgeben. In den folgenden Wochen machte ich die Erfahrung, dass sie mit einem solchen Wunsch nicht die einzige war: viele Menschen haben einen überzogenen Perfektionsanspruch.
Da gibt es Leute, die mit sich und auch mit anderen erst zufrieden sind, wenn das Ergebnis in ihren Augen perfekt ist. Das führt dazu, dass diese Leute zu viel arbeiten und kein Ende finden.  Und dennoch sind die gewünschten Ergebnisse nicht so, wie sie sie haben wollten. Dann sind diese Leute natürlich unzufrieden: mit sich selbst, mit ihrer Familie, ihren Arbeitskollegen, usw. Nie reicht die Investition, nie schließt man Sachen ab, nie lehnt man sich zufrieden zurück und legt die Beine hoch. Auch im Miteinander gibt es eine falsche Sicht von Perfektion. Manche Christen meinen, Nächstenliebe heißt, anderen Menschen nie zu widersprechen und es möglichst vielen recht zu machen. Doch das kann kein Mensch. Dazu kommt, dass es in einer unvollkommenen Welt unterschiedliche Ansichten über den richtigen Weg gibt.
Dabei ist es zutiefst menschlich und normal, dass wir Fehler machen und eben in jeder Hinsicht nicht perfekt sind. Wer an die Existenz des allmächtigen perfekten Gottes glaubt, hat es in dieser Hinsicht vielleicht einfacher: Er kann die Perfektion Gott überlassen und sich selbst in seinem begrenzten Menschsein annehmen.
Von Schwester Susanne Schneider, Missionarinnen Christi, Kontaktstelle Orientierung Leipzig