29.03.2017

Anstoss 13/2017

Nicht nur abgeben, sondern teilen

Wie kann ein Mensch so leben? Diese Frage geht mir immer durchs sprichwörtliche Mark und Bein, wenn ich Bilder aus den ärmsten Ländern unserer Erde sehe. Derzeit hochaktuell: Ostafrika.


Hilfsorganisationen schlagen Alarm. Hält die Dürreperiode an, ist eine der größten Katastrophen vorprogrammiert. Millionen von Menschen werden vor Hunger und „vor unseren Augen“ sterben.
Szenenwechsel: Ich sitze hier und weiß sehr wohl, wie gut es mir, wie gut es uns geht. Hier, wo wir nicht in kargen Hütten sitzen, krank vor Kummer, nicht wissend, wovon wir unseren Kindern zu essen geben sollen. Wir müssen nicht unmittelbar mit ansehen, wie Menschen Tag für Tag an Gewicht verlieren (wir plagen uns eher mit dem Gegenteil) oder alte Menschen auf ihr Essen verzichten, um es den Jüngeren zu geben (so berichteten Mitarbeiter von Hilfsorganisationen vor Ort).
Kann man so leben? Nein. Es würde mir das Herz brechen, wenn ich mein geliebtes Kind in den Armen hielte, um ihm beim Sterben (vor Hunger) zuzusehen. Unzähligen Müttern in Afrika ging und geht es so. In den Problemen meines Lebens, die objektiv betrachtet in keinem Verhältnis zu dem der ihrigen stehen, geraten sie mir zu oft aus dem Blick. Das will ich ändern. Wohl wissend, dass meine Hilfe nicht alle satt machen kann.
Ich überlege, wieviel ich wohl im Monat spenden könnte. Und verflixt nochmal, schon schleichen sich Gedanken ein, die mir weismachen wollen, was ich unbedingt selbst brauche, und warum ich genau dafür das Geld selbst behalten sollte. Etwa für einige Dinge, die ich gern im Garten haben möchte oder neue Gardinen oder oder oder. Rechnereien im Kopf hin und her. Wenn ich diese Summe spende, ist die Erfüllung  einiger Wünsche nicht so schnell drin. Etwas von dem abgeben, was man übrig hat, ist etwas ganz anderes als das, was man hat, mit anderen, also Bedürftigen, zu teilen. Das habe ich schon als Kind erfahren. Ein Stück Schokolade für die Schwestern von meiner Tafel Schokolade tat nicht so weh wie die ganze Tafel mit ihnen gerecht zu teilen. Aber ich will mich darauf einlassen. Auf etwas bewusst verzichten, damit andere – in diesem Fall meine „Geschwister“ in Ostafrika – überleben können.

Andrea Wilke, Erfurt