02.07.2015

Anstoß 27/2015

Nicht immer nur seins sehen!

Als die Bahn gerade mal nicht streikt und ich im Regionalzug nach Hagen sitze, verweigert der Schaffner an einem kleinen Bahnhof die Weiterfahrt.

Nach etwa 10 Minuten murren die ersten Mitreisenden. Der Schaffner hat die Polizei alarmiert, nachdem er eine junge Frau in der Toilette gefunden hat, die sich dort „einen Schuss“ setzte. Benommen schwankt sie auf den Bahnsteig. Beim Versuch, sich aus dem Staub zu machen, taumelt sie in Richtung Ausgang. Dennoch wartet der Schaffner ab, ob der mittlerweile eingetroffene Krankenwagen die junge Frau auch findet. Die Wartezeit wächst auf 25 Minuten an, die explosive Stimmung im Zugabteil ebenfalls.
Eine aufgeregte Frau steht mit hochrotem Kopf mitten im Gang und schimpft laut auf die Bahn und dass sie den Anschluss nicht verpassen dürfe. Der Schaffner hält dem Druck tapfer stand.  Er verteilt freundlich Zettel an Weiterreisende, die eine Zugbindung für Anschlüsse aufhebt. Als ich an der Reihe bin, lächele ich ihm anerkennend zu „Haben Sie gut gemacht.“  Plötzlich ruft er laut durch den ganzen Zug: „Hier ist endlich mal ein Mensch, der mich versteht!“ Es wird schlagartig still. „Alles andere wäre unterlassene Hilfeleistung“, schiebe ich deutlich in die Stille nach. Nach 30 Minuten kann die Fahrt fortgesetzt werden. In Hagen steht die immer noch erregt gerötete Dame mit mir am Bahnsteig. Wir haben also das gleiche Ziel. Berlin. „Ich möchte mich entschuldigen“, spricht sie mich verstört an. „Man sieht ja immer nur seins ...“. Dann fährt der ICE ein, den wir ganz undramatisch ohne Verspätung trotzdem erreicht haben.
„... immer  nur seins sehen“. Unglaublich, aber wahr. Sollte meine Zugerfahrung ein Einzelfall oder gesellschaftliches Stimmungsbild sein? Was motiviert die einen zum Streik und die anderen, sich damit nicht solidarisch zu erklären? Was verhindert Rücksichtnahme, mit  lauter Musik bei offenen Fenstern  bis in die Nacht zu nerven? Wieso sind Papp-Kaffeebecher „to go“ so viel cooler als einfach eine „Tasse to go“ dabeizuhaben? Wozu werden Frauen in zu vielen Bereichen für gleiche Arbeit immer noch schlechter bezahlt? Einige wettern gegen ein Flüchtlingsheim in der Nachbarschaft, andere sind bereit, Flüchtlinge sogar privat aufzunehmen. Sind wir im Vorteilswahn, inszenieren uns am liebsten selbst  und sehen nur noch auf Eigeninteressen?  Egoisten, wo wir doch Beziehungswesen sind. Nur im „Du“ werden wir glücklich! Das muss sich also  ändern. Am besten sofort. Ganz nach dem Vorbild von  Jesus. „Sofort“ ergreift er die Hand des ertrinkenden Petrus und zieht ihn aus dem Wasser. „Jesus hat nicht für sich, sondern für andere gelebt! Gott sei Dank gibt es in meinem Umfeld viele Menschen, die sehen wo es brennt und die sofort hingehen, um sich mit ihren Möglichkeiten einzubringen. Sie leisten Beistand, etwa in der Pflege, in der Trauer, in Prüfungssituationen, in Begleitungen zum Sozialamt und zur Ausländerbehörde. Solche „Sofort“-Menschen  sind keine Notnägel. Sie haben Charakter. Sie sind unser gesellschaftlicher Sauerteig. Es sind wirklich Mit-, ja „Für“-Menschen. Wir leben von ihnen! Auch auf der nächsten Reise mit der Bahn, wenn sie denn  fährt ...

Von Lissy Eichert UAC, Pastoralreferentin Berlin