02.09.2012

Anstoss 35/2012

Nicht in Einklang zu bringen

Am 1. September jährte sich in diesem Jahr das 73. Mal der Beginn des Zweiten Weltkrieges in Europa.

Das nationalsozialistische Deutschland überfiel 1939 ohne Kriegserklärung Polen. Innerhalb weniger Wochen wurde das polnische Territorium von der deutschen Wehrmacht und ab dem 17. September 1939 von der Roten Armee nach ihrem Überfall auf Polen besetzt. Am 9. Oktober 1939 existierte Polen nicht mehr. Das Land war zwischen der Sowjetunion und Deutschland aufgeteilt.

Dieser schnelle militärische Erfolg berauschte die gesamte deutsche Nation mit dem autosuggestiven und hypertrophen Nimbus der Unbesiegbarkeit. Die weitere Geschichte schien den Deutschen Recht zu geben. Nacheinander wurden Dänemark, Norwegen, Belgien, die Niederlande, Luxemburg, der Großteil Frankreichs, Jugoslawien und Griechenland annektiert. Das Wort Blitzkrieg wurde in vielen Sprachen die Bezeichnung für diese Art der Kriegführung. Erst die zermürbende Schlacht um Stalingrad im Winter 1942/43 und die erfolgreiche Kriegführung an der Westfront durch die Alliierten ab Sommer 1944 beendeten den blutigen Unbesiegbarkeitstaumel der Deutschen. Der Weltkrieg endete für Deutschland mit der totalen Niederlage und forderte einen gewaltigen Blutzoll.

Es stellt sich bis heute die Frage nach der Rechtfertigung von Krieg. Der Katechismus der katholischen Kirche rechtfertigt einzig einen Verteidigungskrieg einer Nation unter bestimmten Bedingungen (KKK 2309). Die Bedingung ist zusammengefasst die maßvolle Verteidigung der Integrität und des Selbstbestimmungsrechtes einer Nation.

Die Mittel des Krieges sind heute jedoch so verändert, dass ein damit legitimierter Verteidigungskrieg fragwürdig erscheint, weil sich diese Mittel sich nicht mehr maßvoll einsetzen lassen. Beispielsweise setzen die USA in Afghanistan unbemannte, bewaffnete Flugkörper ein, die fern des Territoriums der USA vermeintliche militärische Ziele vernichten und auch Menschen töten. Deren Einsatz soll das Leben der eigenen Soldaten schützen. Es führt allerdings zu einer völlig neuen Kriegssituation, in der die Kräfte ungleich verteilt sind. Die Verwendung dieser Waffen kommt einer Exekution des vermeintlichen Gegners ohne Vorwarnung und ohne Begründung gleich. Die Opfer dieser Waffen haben keine Chance, sich zu verteidigen oder gegebenenfalls zu ergeben. Der Katechismus führt hier aus: „Der Gebrauch von Waffen darf nicht Schäden und Wirren mit sich bringen, die schlimmer sind als das zu beseitigende Übel.“ (KKK 2309)

Mir ist es unmöglich, den Einsatz dieser Waffen mit diesem ethischen Mindestmaß in Einklang zu bringen.

Pater Ralf Sagner OP, Dominikanerkloster St. Albert in Leipzig