15.05.2013

Anstoß 19/2013

Muttertag

„Die Tür flog auf und Mack schaute in das Gesicht einer großen dicken Afroamerikanerin.“ So beschreibt der amerikanische Schriftsteller William Paul Young in seinem Roman „Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott“ die erste Begegnung seines Helden Mack mit Gott.

Kein Zweifel, hier tritt dem Romanhelden die Person Gottes gegenüber, die wir im Credo mit Gott Vater bezeichnen. William Paul Young wählt diese überbordende Mütterlichkeit als Begegnungshintergrund für seinen Helden mit Gott, weil dieser durch den gewaltsamen Tod seiner Tochter tief, sehr tief verletzt ist und eben eines überbordenden Trostes bedarf.
Auch wenn das vielleicht Rollenklischees bedient, so denke ich bei Trost eher an meine Mutter oder mehr noch an meine Großmutter und weniger an meinen Vater. Ich glaube, einer der Gründe für die amerikanische Methodistin Ann Marie Jarvis im Jahre 1907 in ihrer Gemeinde einen Mütter-Gedenk-Tag zu initiieren, lag in einer solchen oder ähnlichen Erfahrung. Im darauf folgenden Jahr verteilte sie am zweiten Mai-Sonntag 500 Nelken an Mütter ihrer Gemeinde. Das war der Beginn einer Bewegung, die in den jährlichen weltweiten Muttertag am zweiten Mai-Sonntag mündete. Auch wenn die Blumenhändler spätestens seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts wesentlich zur Etablierung des Muttertags beitrugen, blieb es im Grunde eine Idee aus den christlichen Gemeinden. Ann Marie Jarvis wehrte sich Zeit ihres Lebens gegen diese Kommerzialisierung ihres Mutter-Tages.
Da stellt sich aber doch die Frage, ob in einer Zeit, in der sich die Gleichberechtigung von Frauen und Männern immer mehr durchsetzt, ein spezieller Muttertag überhaupt noch wünschenswert ist? Immerhin weist er auf die bestehende Ungleichheit der Verteilung der Aufgaben bei der Erziehung von Kindern in Familien hin. Er erinnert uns aber auch an die Unaufhebbarkeit der Unterschiede zwischen Männern und Frauen und an die Unentbehrlichkeit von Müttern.
Auch in Zukunft werden wir wohl Trost eher Müttern zuschreiben. Und Trost ist etwas so Fundamentales und Unentbehrliches in unserem Leben, dass wir Christen die Spende von wahrem Trost vor allem Gott zuschreiben. Der mütterliche Trost ist dabei Teilhabe am göttlichen Trost. Deshalb ist es zutiefst plausibel, dass der Held in William Paul Youngs Roman auf eine beeindruckende Personifikation von göttlicher Mütterlichkeit trifft und sich ihr ergeben kann. Er erfährt dadurch den für ihn existenziell wichtigen Trost. Ohne diese Zuwendung könnte er nicht weiter leben. Allen Müttern wünsche ich Gottes Segen und Dankbarkeit an diesem Muttertag 2013.
P. Ralf Sagner OP, Leipzig