18.09.2014

Anstoß 38/2014

Mücke oder Elefant?

Ein leises Rumpeln weckte mich mitten in der Nacht. Nach etwas Rascheln und Knistern wieder ein leiser Schlag. War da jemand draußen am Wohnmobil? Wir standen auf einem einsamen Platz im Wald. Ein Tier, womöglich ein größeres, gar ein Bär? Wir waren immerhin in Kanada.

Als wir Licht machten, wurde alles still. Suchende Blicke aus dem Fenster zeigten nur Finsternis. Da ist nichts, also Licht aus und weiterschlafen. Wieder rumpelte etwas und raschelte und ... Die Fantasie trieb Blüten und das geheimnisvolle Wesen seine Streiche mit uns. Vergeblich versuchten wir herauszufinden, wer uns da am Schlafen hinderte und entdeckten nach längerer Suche – ein Mäuschen, das irgendwie den Weg nach drinnen gefunden hatte. Fangen ließ es sich nicht, aber nachdem ich wusste, dass es nur eine Maus ist, konnte ich weiter schlafen.
Später denke ich, so geht es mir eigentlich öfter, nicht nur mir, sondern wohl den meisten Menschen und zwar im Miteinander, dass etwas eigentlich Kleines, Unwichtiges die Fantasie beschäftigt und Unsicherheit und Ängste schürt, solange es ungeklärt und im Dunkel bleibt. Da war eine Bemerkung, ein Halbsatz, ein Blick, vielleicht sogar ein Lächeln. Wir haben es eben noch wahrgenommen. Doch es passt nicht so richtig in unser Denken und irritiert uns. Wir können oder wollen aber auch nicht nachfragen, und so grübeln wir immer wieder, was dahinter stecken könnte. Die Fantasie ist geweckt und sie malt sich aus, was da einer vielleicht über uns denkt, hinter unserem Rücken lacht oder Kommentare macht. Wir werden unsicher, ärgerlich, vielleicht sogar wütend, beginnen, uns auszumalen, wie wir es dem Anderen beweisen werden ... das Kopfkino läuft auf Hochtouren.
Der Autor und Therapeut Paul Watzlawick beschreibt in seinem Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ solche Episoden. Manches zum Schmunzeln findet sich da. Schmunzeln über uns selbst und all die Mücken und Mäuse, die wir zu Elefanten oder Bären machen.
Vielleicht stellt sich ganz beiläufig heraus, dass das, was uns so durcheinander gebracht hat, sich auf etwas anderes bezog und mit uns gar nicht zu tun hatte. Plötzlich können wir alles wieder in einem anderen Licht sehen. Oder wir fassen uns ein Herz und sprechen offen an, was uns umtreibt und erfahren so, wo da ein Missverständnis war. Der Elefant erweist sich als Mücke.
Unser Mäuschen habe ich nach einigen Tagen in der Mülltüte erwischt und in den Wald getragen.

Von Angela Degenhardt, Sangerhausen