08.12.2016

Bischof Timmerevers bevorzugt einen gemeinschaftlichen Führungsstil

Möglichst viel kommunizieren

Dresden. Seit 100 Tagen ist Heinrich Timmerevers Bischof von Dresden-Meißen. Im Tag des Herrn-Interview äußert er sich zu ersten Eindrücken und Erfahrungen.

Bischof Heinrich Timmerevers im Gespräch mit Bistumsredakteurin Dorothee Wanzek.                          Foto: Matthias Holluba


Sind Sie gut angekommen?

Ich denke schon. Ich fühle mich hier wohl, habe gute Arbeits- und Lebensbedingungen vorgefunden, stoße auf viel Wohlwollen und herzliches Willkommen. Gewöhnen muss ich mich an das Lebensumfeld. Bisher lebte ich mitten im Grünen, jetzt mitten in der Stadt. Sehr vieles für mich ist neu. Entsprechend groß ist der  Bedarf, nachzufragen, mich mit Vorgeschichten und Konstellationen vertraut zu machen. Bei ersten Besuche in Gemeinden und Einrichtungen des Bistums habe ich damit begonnen.
Neu ist für mich beispielsweise auch, dass der Staatsvertrag der Kirche in Sachsen eine größere Freiheit bietet als dies in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen der Fall ist.

Diaspora kannten Sie bereits aus der Nordseeregion, die zu Ihrem bisherigen Wirkungsbereich gehörte. Kommt Ihnen die ostdeutsche Diasporasituation vertraut vor?

Die Katholiken verteilen sich hier auf eine viel größere Fläche. Man merkt den Gemeinden die Freude an, das Christsein durch schwere Zeiten durchgetragen zu haben – auch in einer gewissen Abgrenzung zur übrigen Welt. Das erfüllt mich mit Respekt. Diese Erfahrung bleibt prägend, auch im Zusammenhalt, der in den Gemeinden spürbar ist. Zugleich nehme ich ebenso wahr, dass die lange geschlossenen Grenzen Wohlstandskrankheiten und die Säkularisierung der Lebensvollzüge nicht aufgehalten haben. Auch unter den Katholiken hierzulande wächst die westlich geprägte Lebenskultur.

80 bis 90 Prozent der hiesigen Bevölkerung können mit  Kirche und Glaube relativ wenig anfangen. Hat das Auswirkungen auf Ihr Selbstverständnis als Bischof?

Evangelische und katholische Christen sind hier selbst gemeinsam in der Minderheit. Diese Situation birgt manche Schwierigkeiten, vor allem auf dem Land: Ich denke da zum Beispiel an den Religionsunterricht. Den Unterricht hier flächendeckend bereitzustellen, ist ein Problem, das nicht so einfach zu lösen ist. Dass wir Christen hier so deutlich  in der Minderheit sind, hat auch bei mir zu einem Perspektivwechsel geführt. Als ich am Martinstag morgens einen Blick in die Biografie des heiligen Martin warf, ist mir das besonders deutlich geworden. Die  Mantel-Teilung, die ja als Beispiel für gutes menschliches Verhalten fast deutsches Gemeingut geworden ist, hat Martin als Ungetaufter vollzogen. In diesem Bewusstsein schaue ich neu auf die Menschen hier im Bistum. Jeder Mensch hat gute Anlagen und ist in der Lage, Gutes zu tun. Die Liebe Gottes ist uns allen geschenkt. Davon in der  Gesellschaft Zeugnis zu geben, ist unser Auftrag.  
Die besondere Bedeutung der kirchlichen Einrichtungen wird mir bewusst. Schulen, Kindergärten, Altenheime, Einrichtungen der Jugendhilfe oder die Dienste der Malteser sind hier weniger selbstverständlich als im Westen. Damit werden sie zugleich deutlich spürbar immer auch Berührungsflächen der Christen mit der Bevölkerung sein. Es war deshalb richtig und wichtig, sie im Erkundungsprozess stark ins Licht zu rücken. Wir müssen die  Wahrnehmung dafür stärken, dass wir hier Menschen unsere Frohe Botschaft hinhalten. Hier wird nicht in erster Linie geredet, sondern gehandelt, und das ist eine große Chance, um Menschen mit der Kirche und mit Christus in Berührung zu bringen.

Welche Bedeutung hat für Sie das Zusammenspiel mit den anderen ostdeutschen Diözesen?

Die Gemeinsamkeit der ostdeutschen Bistümer ist gut und kann noch intensiviert werden. Erst hier ist mir zum Beispiel klar geworden, was es für die kleinen Bistümer bedeutet, bei Konferenzen der Deutschen Bischofskonferenz oder der kirchlichen Hilfswerke präsent zu sein. Diese Termine alle wahrzunehmen, würde bedeuten, dass einzelne kirchliche Mitarbeiter eines Bistums pausenlos unterwegs sein müssten. Um trotzdem Anliegen und Sichtweisen von hier einbringen zu können, wäre es hilfreich, das unter den Ost-Bistümern zu koordinieren und in einzelne Konferenzen gemeinsame Vertreter zu schicken.

Unter den gemeinsamen Einrichtungen der ostdeutschen Diözesen ist gegenwärtig gerade insbesondere das Priesterseminar im Gespräch. Hat es aus Ihrer Sicht Zukunft?

Das Erfurter Priesterseminar ist ein traditionsreiches Haus, das für viele Generationen von Priestern eine starke Prägekraft hatte. Im Augenblick sind sieben Seminaristen da. Für diese jungen Männer müssen wir uns fragen: Reicht das oder müssen wir die Räume und Ausbildungswege weiten? Auf Wunsch der Seminaristen  unseres Bistum finden für sie die ersten beiden Ausbildungsjahre derzeit an der Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main statt. Wir müssen gut schauen, wie es mit der Priesterausbildung weitergehen kann. Mir ist bewusst, dass die Priesterausbildung eng verbunden ist mit der theologischen Fakultät in Erfurt. Die müssen wir bei allen Zukunfts-Überlegungen mit im Blick behalten.

Sie waren in den ersten hundert Tagen Ihrer Amtszeit viel unterwegs im Bistum Dresden-Meißen. Welche Erwartungen werden Ihnen entgegengebracht?

Die Menschen möchten in ihrem Glauben bestärkt und dazu ermutigt werden, ihn zu leben – das ist eine sehr berechtigte Erwartung an einen Bischof. Schwieriger zu erfüllen ist hingegen die Erwartung klarer Aussagen, wie es im Erkundungsprozess und in der konkreten Gestalt der Kirche künftig weitergehen wird. Ich bin nicht derjenige, der wüsste, wie alles zu gehen hat. Klar ist: Die Veränderungen in Gesellschaft und Kirche bringen es mit sich, dass wir in größeren Dimensionen denken und andere Orte kirchlichen Lebens ausmachen müssen. Es bleibt nicht aus, dass ein Stück Vertrautheit dabei verlorengeht. Dass der Priester nicht mehr so präsent ist, bringt Verlustängste mit sich und die Sorge, wie es weitergeht. Ich sehe mich da selbst als Suchender, als einer der Fragen stellt und genau hinschaut, was hier geht. Lösungen und Antworten gilt es gemeinsam zu finden.

In den meisten Verantwortungsgemeinschaften beteiligen sich längst nicht alle Katholiken am Erkundungsprozess. Unter den Engagierten, die sich mit diesem Prozess zuweilen alleingelassen fühlen, droht sich hier und da eine gewisse Lethargie auszubreiten. Wie kann es gelingen, die Beteiligung auszuweiten?

Wie immer ist das auch eine Frage der Kommunikation. Es bleibt entscheidend, viel miteinander zu reden und Verständnis füreinander zu wecken. Dabei ist eine Atmosphäre wichtig, in der auch die Ängste und Sorgen Raum bekommen. Man kann kaum genug kommunizieren. Selbst wenn ich das Gefühl habe, ausgiebig kommuniziert zu haben, mache ich immer wieder die Erfahrung: Es hat trotzdem noch nicht gereicht.
Und: Gremienarbeit ist von jeher  mühsam. Wer sich engagiert, tut das oft gleich in mehreren Gremien. Die Arbeit dort erfordert eine große Bereitschaft, sich immer wieder einzubringen.
Im Erkundungsprozess müssen wir einfach zur Kenntnis nehmen, dass sich das Gesicht der Kirche verändert.
Natürlich kann solch ein Prozess  nicht endlos gehen. Irgendwann werden wir einen Punkt setzen und ein Ziel formulieren müssen: Das streben wir jetzt für unsere Zukunft an. Dann gilt es, sich positiv nach vorne hin auszustrecken und nicht in der Sehnsucht nach Vergangenem stecken zu bleiben.

Der Münsteraner Bischof Felix Genn lobte bei Ihrer Verabschiedung unter anderem, dass Sie sich nicht davor gedrückt haben, unvermeidliche unangenehme Entscheidungen durchzutragen. Sehen Sie diese Bereitschaft auch in Ihrem neuen Wirkungsbereich gefragt?

Bisher nicht. Ich hatte allerdings die Befürchtung. Noch bevor ich hierher kam, wurde mir das Thema „Winfriedhaus“ präsentiert. Wenn eine Schließung des Jugendhauses tatsächlich unausweichlich gewesen wäre, hätte ich eine solche Entscheidung sehr ungern getroffen. Ich bin froh, dass alle Modelle, die mir kürzlich zum Vergleich präsentiert wurden, keine wirkliche Alternative zu Schmiedeberg darstellten. Ich warte nun noch auf die Einschätzung des Vermögensverwaltungsrates mit Blick auf den Erhalt des  Winfriedhauses.
Was die Zukunft bringen wird, weiß ich natürlich nicht. Unangenehme Entscheidungen sucht man sich ja nicht aus.

Mit öffentlichen Stellungnahmen zu politischen Fragen haben Sie sich bisher zurückgehalten...

In Interviews habe ich immer wieder betont, dass für uns als Christen im Umgang mit Flüchtlingen die Würde jedes Menschen nicht zur Disposition steht. Es geht auf gar keinen Fall, dass wir auf die Herausforderungen, die die Aufnahme von Flüchtlingen mit sich bringt, mit Hass, Verleumdung und Ausgrenzung reagieren. Solche Verhaltensweisen spalten unsere Gesellschaft. Wer Hass sät, der wird auch Hass ernten, das ist eine uralte menschliche Erfahrung. Deutschland ist ein reiches Land. Wenn jemand – aus welchen Gründen auch immer – an unsere Grenzen kommt, stehen wir in der Pflicht, ihn menschenwürdig zu behandeln. Er hat ein Recht auf  ein faires Aufnahmeverfahren.
Ganz klar muss auch sein, dass niemand in eine Situation von Krieg, Verfolgung und Gewalt zurückgeschickt werden darf. Und: das Mittelmeer darf nicht zum großen Friedhof Europas werden. Die Politik ist herausgefordert, alles mögliche zu tun, um Fluchtursachen zu verringern. Im Ringen um die richtigen Wege dazu können wir als Christen nur Formen der Auseinandersetzung gutheißen, bei denen respektvoll miteinander geredet wird und die sich im Rahmen der Gesetze bewegen.

Zu Ihrem Amtsantritt wurden Sie auch nach Ihren Hobbys gefragt. Wie sieht es damit, im  Bischofsalltag angekommen, aus? Haben Sie Zeit zum Wandern und für Klassische Musik?

Bisher nicht. Ich war auch noch nicht wieder in meiner Heimat, seit ich hier in Dresden bin. Ich möchte gerade im ersten Jahr möglichst viel in unserem Bistum kennenlernen und meinen neuen Aufgaben gut nachkommen. Geografisch bewege ich mich hier ja auch in anderen Dimensionen. Das ist mir sehr bewusst geworden, als ich  die Verantwortungsgemeinschaft Annaberg/Marienberg besuchte. 146 Kilometer sind wir dort an einem Tag gefahren, um alle Kirchorte aufzusuchen. Von Vechta aus konnte ich in einer und einer Viertelstunde jeden Ort meiner Region erreichen, und auch die Bischofsstadt Münster.
Natürlich achte ich darauf, dass ich genügend Schlaf bekomme und zwischendurch auch mal abschalte. Das fällt mir hier allerdings etwas schwerer als in Vechta, wo der Bischofssitz von einem Garten umgeben war. Wenn ich hier das Haus verlasse, bin ich gleich mitten in den Touristenströmen.   

Fragen: M. Holluba, D. Wanzek