10.09.2011

Anstoss 36/2011

Mitgliedschaftsentscheidungen

Seit Anfang August ist es amtlich: Im vergangenen Jahr haben so viele Katholiken der Kirche den Rücken gekehrt, wie seit zwei Jahrzehnten nicht.

Nach 123 681 Katholiken im Jahr 2009 kamen den 27 Bistümern in Deutschland im vergangenen Jahr 181 193 Mitglieder durch Austritt abhanden. Da im selben Zeitraum nur zirka170 000 Kinder und Erwachsene getauft wurden und 253 000 Katholiken starben, sank die Zahl der Katholiken binnen eines Jahres also schneller als jemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Mitgeteilt wurde das alles vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Über die Ursachen kann man bislang nur Vermutungen anstellen: Das Bekanntwerden und die nachfolgende öffentliche Debatte über mehrheitlich lange zurückliegende sexuelle Gewalt von Geistlichen gegenüber Kindern und Schutzbefohlenen, einschließlich des Verhaltens der kirchlichen Institutionen gegenüber diesem Phänomen wird eine Rolle gespielt haben. Bei manchen Katholiken bedurfte es vielleicht „nur“ dieses Anlasses, um eine ohnehin schon sehr lockere Bindung an die Kirche nun auch äußerlich zu lösen. Oder ist die Zahl der Katholiken gestiegen, die nicht länger bereit ist, mit ihren Steuern eine hierarchisch-bürokratische Institution zu finanzieren, um sich stattdessen in den Ortsgemeinden finanziell zu engagieren? Fragen, auf die es bisher keine empirisch erhobenen und somit überprüfbaren Antworten gibt.
Perspektivenwechsel: Der Apostel Paulus beschäftigt sich in seinen Briefen sehr mit der Frage, warum Menschen nichts von dem Weg wissen wollen, von dem er glaubt, dass er der Weg ist, zu dem Gott alle Menschen einlädt. Er ist mit Überzeugung Jude und hat auf der Grundlage des Glaubens Israels Christus als den Sohn Gottes erkannt und angenommen. Es bewegt ihn tief, dass nur ein Teil seines Volkes den Glauben an Christus angenommen hat. Paulus macht allerdings keine Vorwürfe. Seine Haltung ist vielmehr geprägt von Liebe. Er fragt sich, was Gottes Plan für diese Menschen ist. Auf eines vertraut er dabei: Gott liebt sowohl das erwählte Volk Israel wie alle Völker.
Zwei Dinge können wir also von Paulus lernen. Erstens, dass es uns nicht gleichgültig sein kann, wenn Menschen nicht zum Glauben finden. Und Zweitens, dass wir in diesem Leben ohne Glauben noch einmal Gottes größere Treue und Barmherzigkeit entdecken. Nicht die Klage darüber, dass alles nicht mehr so klar katholisch ist, wie es früher angeblich war, nicht das Schweigen darüber, dass so vielen Menschen in unserer Umgebung der Glaube fremd ist, sondern die Herausforderung, die darin an uns selbst liegt, Gottes größere Barmherzigkeit zu entdecken, sollte am Ende stehen. Die Herausforderung an uns zu glauben, dass Gott, wenn er wirklich Mensch geworden ist, schon immer da ist. Wir müssen ihn nicht in diese Welt bringen. Er ist überall vor uns. Wir können ihn nur entdecken oder aufdecken.
Pater Bernhard Kohl, Dominikanerkloster St. Albert in Leipzig