31.07.2014

Anstoß 31/2014

Mit wem ich in der Kirche bin

Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn sie das Wort Kirche hören?  Die vielen wunderbaren Gebäude, die vom Glauben der Generationen vor uns zeugen? Oder die große weltumspannende Gemeinschaft von Menschen, die mehr oder weniger sichtbar den Spuren Jesu folgt? Die jahrhundertealten Traditionen und Riten, die in der Liturgie einen Ausdruck finden? Oder Sorge und Zweifel, ob und wie sich denn noch etwas bewegt in dieser alten Institution?

Wer zu ihr gehört, den treiben Fragen um: Was und wer die Kirche ist, wie sie ist und wie sie sein sollte. Ein Exerzitienkurs im Karmel Birkenwerder stellt die Frage anders: „Mit wem bin ich Kirche?“
„Kirche“ leitet sich zunächst vom griechischen kyriaké ecclesía ab. Zum Kyrios, zum Herrn gehörig ist sie. Und eine „ekklesía“ war in der Antike eine Versammlung, zu der die Bürger „herausgerufen“ waren. Kirche sind also die vom Herrn Herausgerufenen, die zu ihm gehören. Zudem nennen wir sie „catholica“: weltumspannend, universal, alle betreffend.
Woran denken Sie jetzt, wenn Sie an Kirche denken? An die vielen Getauften durch die Jahrhunderte? An die Vielfalt der christlichen Kirchen, die nicht mehr die sichtbare, große Einheit sind und dennoch im Sinne des alten „katholikos“ eine weltumfassende Gemeinschaft der Christgläubigen?
In den Exerzitien hat uns das Stichwort „zum Herrn gehörig“ weiter bewegt. Spontan denken wir bei der Frage, mit wem wir Kirche sind, daran, wer dazu gehört und wer nicht dazu gehört, oder nicht so richtig. Vielleicht auch, mit wem wir gern Kirche sind und mit wem wir uns schwertun.
Ein Schritt lud ein, den Blick aus der Perspektive Gottes zu versuchen: Wen sieht er selbst, der kyrios, als zu sich gehörig? Es sind doch alle Menschenkinder von ihm ins Leben herausgerufen, und er liebt alle seine Geschöpfe. Vielleicht sollten wir viel öfter so weit und groß von Kirche denken. Wir sind vom Herrn Herausgerufene und Zu-ihm-Gehörende mit allen, die da sind: ob Kirchgänger oder Fernstehende, ob getauft oder ungetauft, ob Christen oder Anders- oder Ungläubige. Eine Herausforderung angesichts der Spannungen und Auseinandersetzungen auch zwischen den Religionen, die unsere Welt zurzeit in Atem halten.
Vielleicht mögen Sie in die vielen Begegnungen der Sommer- und Urlaubszeit den Gedanken mitnehmen, dass all diese Menschen aus Gottes Sicht mit uns seine kyriaké sind und er in ihrer und unserer Mitte.
Angela Degenhardt, Sangerhausen