18.01.2018

Jahreskampagne des Deutschen Caritasverbandes

Mieten steigen, Ängste wachsen

In Deutschland haben immer mehr Menschen das Problem, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Mit seiner Jahreskampagne fordert der Deutsche Caritasverband die Politik zu mehr Engagement im sozialen Wohnungsbau auf.


Unter anderem mit einer Plakatserie macht die Caritas auf das Anliegen ihrer Jahreskampagne aufmerksam. | Foto: Caritas

In Deutschland erfahren immer mehr Menschen, dass sie auf dem Wohnungsmarkt fast chancenlos sind. Fast 80 Prozent sehen in den steigenden Wohnkosten ein erhebliches Armutsrisiko. Dies geht aus einer neuen, vom Deutschen Caritasverband (DCV) in Auftrag gegebenen repräsentativen Umfrage hervor. Demnach hat die Wohnungsnot inzwischen auch die Mittelschicht erreicht. Vor allem in den Großstädten und Ballungsgebieten werden - neben alten und einkommensschwachen Menschen - zunehmend auch solvente Familien aus ihren angestammten Stadtvierteln verdrängt, sagte Caritas-Präsident Peter Neher bei der Vorstellung der Jahreskampagne „Jeder Mensch braucht ein Zuhause“ in Berlin. Auch Krankenschwestern, Polizisten oder Erzieherinnen spürten inzwischen, dass es für sie kaum noch bezahlbaren Wohnraum gibt.

Gesellschaftliches Konfliktpotenzial
Mit der Kampagne will der Caritasverband vor allem die Politik für das Thema sensibilisieren. Einer Umfrage des Ipsos-Instituts zufolge ist die Schaffung beziehungsweise Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum – neben Verbesserungen in der Pflege sowie dem Kampf gegen die Kinder- und Altersarmut - auch der dringlichste Wunsch der Deutschen an die neue Bundesregierung in Berlin.
 Die Wohnungsnot ist inzwischen „zu einer sozialen Wirklichkeit geworden, die großes, gesellschaftspolitisches Konfliktpotenzial birgt“, so der Caritas-Präsident. „Wenn zunehmend der Geldbeutel bestimmt, wie sich Stadtteile und Quartiere zusammensetzen, führt dies zu einem Auseinanderdriften von Milieus und schwächt so den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Als Gründe für die Wohnungsnot sieht der DCV neben dem Zuzug von Flüchtlingen und anderen Einwanderern ins Land vor allem eklatante Versäumnisse beim sozialen Wohnungsbau. So wurden bundesweit seit Anfang der 1990er Jahre kommunale Wohnungen, Bundes- und Landesimmobilien an private Investoren verkauft. Gab es 1987 noch 3,9 Millionen Sozialwohnungen in Deutschland, waren es 2015 nur noch 1,3 Millionen. Jährlich fallen weitere 40 000 bis 60 000 etwa aus der Sozialbindung.
Zudem werden seit Jahren in Deutschland – trotz wachsender Bevölkerung - zu wenige Wohnungen gebaut. So wurden laut Neher 2016 gerade mal 278 000 Baufertigstellungen, vor allem im Eigenheim- und gehobenen Preissegment, gezählt. Benötigt aber würden jährlich rund 400 000 neue Wohnungen.

Wohnen als Menschenrecht
Dem DCV zufolge fehlen in Deutschland gegenwärtig bereits eine Million Wohnungen. Gemäß der katholischen Soziallehre aber hat jeder Mensch das Recht auf eine Wohnung. Auch in der Europäischen Sozialcharta wurde Wohnen als Menschenrecht verankert. Bei der Bereitstellung bezahlbarer Wohnungen sieht Neher vor allem die Kommunen in der Pflicht. Von einer neuen Bundesregierung erhofft sich der DCV-Präsident eine Ankurbelung des sozialen Wohnungsbaus, auch wenn die gesetzliche Verantwortung für dessen Förderung ab 2020 bei den Ländern liege.
Um zumindest in einigen Regionen die größte Not zu lindern, hat der katholische Verband inzwischen einige eigene Wohnprojekte auf den Weg gebracht. Im Landkreis Oder-Spree wurde etwa der „Wohnverbund für Flüchtlinge“ etabliert. Doch auch Einheimische profitieren von dem Projekt. Für den Haushandwerkerservice in Fürstenwalde, Heinersdorf, Storkow und Eisenhüttenstadt wurden bewusst Langzeitarbeitslose angestellt. In Leipzig betreibt der Caritasverband seit gut einem Jahrzehnt ein betreutes Wohnprojekt für ältere, an Demenz erkrankte Menschen. In der Universitätsstadt Greifswald hat das dortige Caritas-Regionalzentrum die „AG Bezahlbarer Wohnraum“ gegründet, die sich bei der zuständigen Stadtverwaltung wie auch bei der Landesregierung für eine Förderung des sozialen Wohnungsbaus einsetzt.

Von Andreas Kaiser