22.07.2015

Kirchenstatistik 2014

Man hat's nicht mit der Religion

Die katholische Kirche in Deutschland hat 2014 einen Rekord an Kirchenaustritten erlebt. In ganz Westeuropa beobachten Forscher bei den Kirchen einen stetigen, lautlosen Schwund. Das ist ein Ergebnis eines internationalen Vergleichs, den unlängst Forscher an der Universität Münster vorgelegt haben.

 

Kirche und Glauben weisen oft in eine andere Richtung, werden kaum wahrgenommen, von anderen Dingen überlagert. Foto: imago

Der Religonssoziologe Detlef Pollack und sein Kollege Gergely Rosta haben dazu Erhebungen, Statistiken und Umfragen seit 1945 ausgewertet – vor allem aus Europa, aber auch aus USA, Südkorea und Lateinamerika. Ihr Fazit: Zwar nimmt das religiöse Leben in modernen Gesellschaften nicht automatisch ab; immer wieder gibt es auch Aufschwünge. Im Großen und Ganzen aber wird Religion weniger wichtig – und zwar je wohlhabender eine Gesellschaft ist, je individueller ihre Mitglieder sind, je mehr alternative Freizeit- und Unterhaltungsangebote es gibt.

Umgekehrt wird religiöses Leben gestärkt, wenn es in lebendige Gemeinschaften eingebettet ist oder sich mit politischen, nationalen, wirtschaftlichen Interessen verbindet. Insgesamt haben die Autoren zehn Zusammenhänge analysiert. Allerdings ist deren Verhältnis oft unklar; manche Faktoren und Entwicklungen scheinen sich auch zu widersprechen (siehe „Zur Sache“).

1. Wenn sich religiöses Bewusstsein mit politischen, wirtschaftlichen oder nationalen Interessen verbindet, stärkt das Kirchen und Religion oft. Dies zeigt sich in den USA, die sich zumindest unterschwellig noch als „God’s own country“ (Gottes eigenes Land) verstehen. Religiöse Erneuerung in Russland, die sich seit 1990 vor allem als diffuses Bekenntnis zur Orthodoxie zeigt und weniger in Glaubenswissen oder religiöser Praxis, verdankt sich vor allem dem Versagen des Staates. Da soll es die alte russische Orthodoxie richten. Etwas anders sah es aus in den Anfangsjahren Westdeutschlands: Damals trugen die Kirchen als einzige intakte und moralisch einigermaßen unbeschadete Institutionen zum Wiederaufbau des Landes unter der Regierung Adenauer bei.

2. Umgekehrt schwächen sich religiöse Bindungen wieder ab, wenn die politischen, wirtschaftlichen oder nationalen Ziele erreicht sind. So waren die evangelischen Kirchen und ihre Vertreter in Ostdeutschland stark gefragt, solange sie Schutz vor der SED-Macht boten und beim Übergang in eine freie, demokratische Gesellschaft halfen. Das ließ nach, je besser das neue politische System Fuß fasste. Je mehr gesundheitliche, soziale, kulturelle und erzieherische Aufgaben der Staat übernimmt, desto weniger braucht es kirchliches Engagement. Das zeigt sich seit 70 Jahren in allen westeuropäischen Gesellschaften; seit 1990 auch in besser organisierten und wohlhabenderen Staaten Osteuropas.

3. Vermischen sich Politik und Religion jedoch zu stark, so schreckt das viele Menschen wieder ab. Kaum einer öffentlichen Person in Russland wird so misstraut wie Patriarch Kyrill I. und seiner Nähe zu Präsident Putin. Auch die katholische Kirche Polens – nach wie vor stark und gefragt im Land – verprellte nach der Wende Bürger, als sie ungefragt Wahlempfehlungen gab. „Offenbar kommt es darauf an, ob die Kirche als Herrschaftsinstrument wahrgenommen wird oder als jemand, der … nahe bei den Menschen ist“, resümieren die Forscher die Erhebungen.

 

Individualismus schwächt Religion, stärkt Glauben

Grafik: kna-bild

4. Am meisten setzt religiösen Organisationen die zunehmende Individualisierung zu. Viele Studien zeigen: Je stärker Menschen Wert legen auf Selbstbestimmung und Lebensgenuss, desto distanzierter stehen sie einer Kirche gegenüber – in West und Ost. Andererseits leben in einer individualisierten Gesellschaft etliche Gläubige ihren Glauben entschiedener und selbstbestimmter. Wer Mitläufer war, tritt eher aus oder bleibt der Gemeinde fern.

 

 

 

5. Je mehr Möglichkeiten Menschen haben, sich beruflich wie privat zu verwirklichen, desto mehr verschiebt sich ihre Aufmerksamkeit von Gottesdienst, Wallfahrt und Gebet zu Sport, Wellness, Kultur, Konsum, Bildung. So wird Religion vielen gleichgültiger und bewirkt in ihrem Leben kaum etwas; sie brauchen sie nicht. Das zeigen auch Untersuchungen aus Osteuropa: Nach der Wende nahm die religiöse Praxis nur in Ländern wie Georgien, Ukraine, Mazedonien zu, wo der Wohlstand kaum stieg.

6. Die Kirchen sind der Abwendung der Gläubigen oft machtlos ausgeliefert. Zumal in einer Gesellschaft, in der jeder nach seiner Façon selig werden kann und will, wirken säkulare Konkurrenzangebote besonders auf den Einzelnen. Der Theologe Hermann Josef Pottmeyer beschrieb diese Entwicklung mit dem Zitat eines Pfarrers vom Niederrhein: „Fernsehen, Auto, Pille“. Der Fernseher brachte sowohl Ablenkung wie die relativierende Vielfalt der Welt ins Wohnzimmer. Das Auto ermöglichte es, der Enge zu entfliehen und entfernte Alternativ-angebote wahrzunehmen – vor allem sonntags. Die Pille schließlich ermöglichte Familien steigenden Wohlstand durch weniger Kinder; außerdem weckte und ermöglichte sie die Emanzipation von kirchlicher Bevormundung.

7. In der Wirtschaft mag Konkurrenz das Geschäft beleben; nicht aber in der Religion. Mitunter gehen Gebetsleben und Gottesdienstteilnahme zurück, wenn das Umfeld religiös pluraler wird. Das belegen auch Studien aus den stärker religiösen USA – frei nach dem Motto: die einen so, die anderen anders – letztlich ist es nicht so wichtig.

 

Not lehrt nicht immer beten

8. In bestimmten Fällen kann religiöse Vielfalt das Leben konfessioneller Gemeinschaften anheizen. Lange war das dort der Fall, wo sich lebendiger Protes-tantismus aus einer gehörigen Portion Antikatholizismus speiste – und umgekehrt. Heute speist sich ein Großteil muslimischen Selbstbewusstseins aus dem Gefühl: wir Muslime – ihr Europäer. So berichtete der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide von Studien in Wien, wo „saufende Jugendliche stolz auf den Koran in ihrer Tasche klopften und tönten: ‚Klar, sind wir Muslime‘ – auch wenn im Koran zum Alkohol etwas anderes steht“.

9. Not lehrt nicht immer beten. Wie stark Armut, Katastrophen und Krieg Religiosität beeinflussen, lässt sich den Untersuchungen zufolge nicht eindeutig bestimmen. Viele wenden sich in ihrer Not Gott zu; andere wenden sich von ihm ab. Zu denken gibt jedoch die weltweite Beobachtung: Je ungleicher und ungerechter es in einem Land zugeht, umso wichtiger sind den Menschen Glaube und Religion. Der genaue Zusammenhang ist jedoch umstritten. 

10. Alleine glauben, geht schlecht. „Wie man es auch dreht und wendet, es gilt: Die Einbindung in religiöse Netzwerke verstärkt die religiösen Überzeugungen und die religiöse Praxis“, lautet ein weiteres Fazit der Analysen. Deswegen sind Kirchen- und Katholikentage ebenso wichtig wie Papstbesuche und Tage religiöser Orientierung. Das gilt aber nur, wenn die Gemeinschaft keine Entmündigung und Kontrolle bedeutet. Egal, ob es um das katholische Lehramt, evangelische Gemeindegepflogenheiten oder freikirchliche Prediger geht.

 

Zur Sache

Der Streit der Soziologen

Religionssoziologen streiten derzeit, ob moderne und postmoderne Gesellschaften tatsächlich duchweg säkularer (also weltlich-dieseitiger) und weniger religiös werden. Der Soziologe Detlef Pollack vertritt eher die Säkularisierungsthese, während etwa der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner von einer Wiederkehr des Religiösen spricht. 

Weiter wird debattiert: Ist im weltweiten Vergleich das säkulare Europa die Ausnahme? Oder sind andere moderne Gesellschaften wie USA, Südkorea oder Brasilien die Ausnahme, wo Religion boomt? Über mehrheitlich islamische Gesellschaften gibt es noch wenig Studien.

Zudem: Wie misst man Religion? Wie persönlichen Glauben? Reicht die Rate von Kirchgängern oder Besuchern von Esoterikmessen? Besagt die Kirchenbesucherquote vor 60 Jahren in Oberbayern dasselbe wie eine Kirchenbesucherzählung in Hamburg heute? Belegen Zahlen von früher nicht eher den Druck der Dorfgemeinschaft, während heute nur zur Kirche geht, wer wirklich religiös gläubig ist? Was besagt ein Kirchenaustritt, wenn die Person anschließend trotzdem Weihnachten feiert und zu Familienfesten in die Kirche geht? Pollack räumt ein, dass der Zusammenhang zwischen Moderne und Säkularisierung nicht so einfach ist, wie früher angenommen.

Hinweis: Detlef Pollack, Gergely Rosta: Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich, Campus Verlag, 542 Seiten.

 
Von Roland Juchem