23.02.2018

Lichtreiche Installationen in der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin

Im Kreuz ist Licht

Das Kreuz ist mehr als nur ein Schmerzenssymbol. Das zeigt der Künstler Ludger Hinse mit seinen farblich schillernden Installationen aus Plexiglas. Die St. Hedwigs-Kathedrale stellte jetzt das Projekt „Licht.reich“ vor.


Projektinitiatorinnen, Geistliche und Künstler freuen sich über das Lichtkreuz: Dompropst Tobias Przytarski, Bettina Birkner, Ludger Hinse, Carla Böhnstedt, Erzbischof Heiner Koch, Roswitha Sauer. | Fotos: Walter Wetzler


Die Fastenzeit verweist auf das Leiden Christi. Das Kreuz steht für mehr: Es ist Schmerzens­sym­bol und Hoffnungszeichen in einem, Tod und Todesüberwindung sind in ihm eingefasst. Umso erstaunlicher, auf erfrischende Weise provokant, mutet da das zwei mal zwei Meter große Lichtkreuz des Künstlers Ludger Hinse aus Recklinghausen an, das jetzt in der Kuppel der Berliner St. Hedwigs-Kathedrale hängt.

„Jeder sieht das Kreuz anders“
Aus durchsichtigem Plexiglas gestaltet, in den Grundfarben blau, grün und violett, schillert das Objekt unterschiedlich je nach Tageszeit und Lichteinfall. Dass das Lichtkreuz zwischen Himmel und Erde hängt, über der Vertiefung in der Mitte der Kirche, entspricht dem Wesen der „kinetischen Kunst“ Hinses, das in Bewegung befindliche Kunstobjekt in unterschiedlichen Zugängen zu erfahren. „Und das“, sagt Dompropst Tobias Przytarski, „ist auch unser Anliegen. Jeder sieht das Kreuz anders, die verschiedenen Aspekte von Tod und Auferstehung sollen in den verschiedenen Farben, die das Kreuz reflektiert, beleuchtet werden.“
Hinses Lichtkreuze sind sein Markenzeichen, spätestens seit er von 2007 bis 2009 im Rahmen der Kunstaktion „Das Kreuz mit dem Kreuz“ 21 Städte mit 77 Ausstellungsorten in Nordrhein-Westfalen bespielte. Vier bis zehn Lichtkreuz-Arrangements schafft Hinse pro Jahr. Darunter protestantische Kirchen und katholische Klöster, auch in der reformierten Schweiz. Jeder Sakralbau hat laut Hinse andere Lichtbedingungen, die jeweils neue Lösungen erzwingen. „Die Romanik baute dunkel, sperrte das Licht aus, der Barock ist zwar hell, aber so ein Lichtkreuz kann sich gegen die betonte Üppigkeit mit seinem Farbenspiel nur schwer durchsetzen.“
Idealbedingungen bietet dann doch eher der Kuppelbau der St. Hedwigs-Kathedrale, die Preußenkönig Friedrich II. in Anlehnung an die Form des römischen Pantheon erbauen ließ. Das Licht kommt von allen Seiten über die Kirchenfenster herein und bündelt sich in der Mitte. Das ist es, was auch Erzbischof Heiner Koch mit dem  Lichtkreuz zeigen will: „Die Mitte steht für die Mitte der Kirche, eine lebendige Gemeinde, die sich immerfort bewegt und auf das Kreuz blickt, das sich immerfort wandelt.“
Der Blickfang des Lichtkreuzes, so Koch, solle die Mitte des Gebäudes betonen, den spezifischen Charakter der Kathedrale vor allem Kirchenfremden näherbringen. „Dieser Bau zieht viele ungetaufte und nichtchristliche Besucher an. Mir ist es ein großes Anliegen, sie mit diesem Kreuz zu Assoziationen anzuregen, auch wenn sie die Ikonographie und die Botschaft des Christentums nicht kennen.“
Eine wichtige Aufgabe sei es doch, nicht nur für Kirchengläubige da zu sein. Und der Erzbischof spricht von einer „Transferleistung, die wir bringen müssen, religiös sichtbare Akzente zu setzen, die zur Transparenz unseres Glaubens beitragen“. So ließen sich Menschen mit dem Glauben in Berührung bringen.

Je nach Perspektive und Lichteinfall zeigt sich das Kreuz in unterschiedlichen Farben.

Weihrauchimpulse und Fotowettbewerb
Die Erfahrungen beim Blick auf das Lichtkreuz als temporäre Kunst­installation sollen im Rahmen des Projekts „Licht.reich“ etwa in der täglichen Mittagsmeditation vertieft werden können, sagt Pastoralreferentin Carla Böhnstedt. „Jeden Freitag­nachmittag werden wir einen besonderen Weihrauchritus gestalten. Der aufsteigende Rauch wird besonders illuminiert, im Hintergrund werden Texte vorgelesen, es wird eine dezente musikalische Untermalung geben.“
Darüber hinaus startete ein Fotowettbewerb: Jeder Kirchenbesucher kann ein Bild vom Lichtkreuz aus seinem Blickwinkel beim Erzbistum einsenden. Die Fotos werden dann auf der Instagram-Seite des Bistums gepostet. Eine kleine Fachjury wird das aus ihrer Sicht interessanteste Foto dann mit einer kleinformatigen Variante des Lichtkreuzes, gefertigt vom Künstler, prämieren.

Fastenimpulse: Freitags 15 Uhr; Kurzführungen durch die Installation: Bettina Birkner, Carla Böhnstedt, Roswitha Sauer; Instagram-Fotowettbewerb unter sankt_hedwig_mitte#lichtkreuz

Von Andreas Öhler (kna)