15.05.2013

Anstoß 20/2013

Lernen, manches neu zu sehen

Unsere Gemeinde muss derzeit ohne ihren erkrankten Pfarrer auskommen. Verständlicherweise löst das einige Unsicherheit aus:

Wie sollen wir ohne einen Priester zurechtkommen? Können wir überhaupt Gottesdienste feiern? Kann unser Enkelkind jetzt getauft werden? Und was, wenn jemand im Sterben liegt?
Es gibt einige Gemeinden, die diese Fragen auch kennen und schon einmal für einige Zeit oder sogar auf Dauer ohne einen Priester vor Ort zurechtkommen mussten und müssen.
Vermutlich machen sie ähnliche Erfahrungen: Es finden sich Menschen, die Verantwortung übernehmen und sich einbringen, damit vieles von dem, was das Leben der Gemeinde ausmacht, vielleicht mit kleinen Veränderungen, aber dennoch weitergeht. Vielleicht sogar welche, die vorher niemand so richtig im Blick hatte.
Für die sonntägliche Eucharistiefeier kommt (meist) ein Gastpriester. In der Woche trifft sich die kleine Werktagsgemeinde zum Tagzeitengebet, zur Andacht oder Wortgottesfeier und Menschen, denen ebendies wichtig ist, übernehmen den Dienst des Vorbetens. Manche Hauptgemeinde lernt die Wort-Gottes-Feier, die Außenstationen seit Jahren vertraut ist, womöglich sogar erst kennen.
Die Menschen erfahren, was alles möglich ist, wenn sie sich darauf besinnen, was Jesus uns zugesagt hat: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Da ist Kirche! Eine Gemeinde ist doch nicht nur dann Kirche, wenn ein Priester kommt.
Bei allen Abstrichen und Schwierigkeiten, die es nach sich zieht, wenn der Priester fehlt, steckt in der Situation auch die Chance, sich der eigenen Taufe und Firmung zu vergewissern: Gottes Geist ist jeder und jedem von uns geschenkt. Und er wirkt durch uns, wenn wir es nur zulassen. Er hilft uns, Dinge neu zu sehen und schätzen zu lernen.
Wie gesammelt ist zum Beispiel die Atmosphäre im Sonntagsgottesdienst, weil jeden Sonntag ein anderer Priester die Messe leitet. Kleine Akzente wecken eine neue Aufmerksamkeit für die Liturgie. Wir spüren stärker, dass all dies nicht selbstverständlich ist.
Für manchen sind das sicher „alte Hüte“. Für viel mehr stehen solche Herausforderungen noch aus. Das Pfingstfest und darüber hinaus das Konzilsjubiläum laden uns ein, das oft überraschende, manchmal verborgene, aber immer beständige Wirken des Gottesgeistes in uns und unserer Kirche neu sehen zu lernen. Er treibt uns an, Wege neu zu suchen, zu finden und zu gehen, wo zunächst nichts zu gehen scheint.
Angela Degenhardt, Gemeindereferentin in Sangerhausen