25.06.2015

Anstoß 26/2015

Lebenserwartung

Tatortfreunde kennen Moritz Eisner und Bibi Fellner als Ermittlerduo aus Österreich. Vor drei Wochen waren die beiden am Sonntagabend wieder unterwegs, diesmal um die Hintergründe eines Chemieunfalls aufzuklären.

Der Tatort hieß „Gier“ und es ging darin um die Gier, immer schneller immer mehr verdienen zu wollen. Darin eingebettet spielt noch eine ganz andere Tragödie. Peter Wendler, ein erfolgreicher Unternehmer, befindet sich seit drei Jahren zur Sicherheitsverwahrung in der geschlossenen Psychiatrie, weil er angeblich versucht hat, seine Frau zu ermorden. Sehr schnell wird klar, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Im Zuge seiner Ermittlungen besucht Moritz Eisner den Unternehmer im Gefängnis. Wendler hat gerade Hofgang und fragt den Kommissar, wie ihm der Ausblick gefällt. Als Eisner mit einem Blick nach oben feststellt, dass man von hier wenigstens den Himmel sehen kann, antwortet ihm der Unternehmer: „Als ob von dort etwas zu erwarten wäre!“
Dieser Satz geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Plötzlich ist man mitten im Tatort bei einer klassischen Frage des Glaubens. Obwohl Peter Wendler versucht hat, ein guter Unternehmer zu sein und keine krummen Geschäfte zu machen, hat ihn der Himmel offenbar im Stich gelassen. Die Firma steht vor dem Aus und die eigene Frau hat ihn in die Psychiatrie gebracht.
Ich glaube, damit spricht der Film dem modernen Menschen aus dem Herzen: Wenn etwas aus unserem Leben werden soll, müssen wir etwas daraus machen. Unser Leben hängt davon ab, ob wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind und unsere Chancen zu nutzen wissen. Vom Himmel haben wir nichts zu erwarten. So denken viele Menschen. Das könnte daran liegen, dass sich unsere Haltung dem Leben gegenüber verändert hat. Leben ist nicht mehr, was uns zufällt, was uns geschenkt wird. Leben ist, was wir daraus machen. Und wenn unser Leben den eigenen Vorstellungen nicht entspricht, müssen wir die Dinge in die Hand nehmen. Für Peter Wendler bedeutet das, seine Frau zu ermorden, um für Gerechtigkeit zu sorgen.
Hier haben wir Christen etwas zu sagen. Papst Franziskus geht in seiner neuen Enzyklika „Laudato si“ von dieser Glaubenswahrheit aus. Leben ist das große, unverfügbare Geschenk von oben. Und gerade so nimmt uns das Leben in die Pflicht, es verantwortlich zu gestalten und nicht herauszuholen, was geht.
In der Heiligen Schrift begegnet uns diese Überzeugung in verschiedenen Bildern. Ich denke an das Wort Jesu von den Vögeln des Himmels und den Lilien auf dem Feld, mit dem er deutlich machen will, wem wir unser Leben verdanken. (Mt 6,25-34) Oder ich denke an das Gleichnis vom Senfkorn, das zum Baum wird, in dem die Vögel des Himmels nisten. (Mk 4,30ff.) Unsere Lebenserwartung hat weniger mit unseren Erfolgen oder der Zahl unserer Erdenjahre zu tun, sondern viel mehr mit der Frage, was wir von oben erwarten. Solche kraftvollen Bilder erinnern uns daran.

Von Pfarrer Marko Dutzschke, Cottbus