24.05.2017

Comboni-Missionar Gregor Schmidt erzählt vom Südsudan

Leben wie zu Abrahams Zeiten

Der Berliner Comboni-Missionar Pater Gregor Schmidt berichtet über seine Arbeit im Südsudan. In der Liebfrauen-Schule erzählt er vom Handel mit Kühen, Armut, Analphabetentum und seiner eigenen Inhaftierung.


Pater Gregor vor einer Karte des Südsudan.  Foto: Josef Bordat

„Warum machen Sie das eigentlich?“ Die Frage der Schülerin nach den Beweggründen drängt sich auf nach all dem, was Pater Gregor Schmidt über seine Wirkungsstätte zu sagen hat. Der 2011 in der St. Hedwigs-Kathedrale zum Priester geweihte Comboni-Missionar wirkt seit sechs Jahren mit zwei Mitbrüdern in einem Dorf im Südsudan. Alle drei Jahre macht Pater Gregor Heimaturlaub in Berlin. Schon zum dritten Mal besuchte der Missionar die Katholische Schule Liebfrauen und hielt vor Schülern ab der 10. Klasse einen Vortrag über seine Arbeit in dem noch jungen Staat, auf dessen Gebiet rund 60 Volksgruppen leben.

Der Vorteil schlechter Straßen
Er wolle arbeiten, wo man ihn wirklich braucht, beantwortet Pater Gregor die Frage der Schülerin und fügt hinzu: „Ich könnte nirgendwo arbeiten, wo bereits alles eingerichtet ist.“ Er kenne das Risiko, doch Angst habe er nicht. Und das, obwohl er Anfang des Jahres bei einer Polizeiaktion gegen „Rebellen“ verhaftet und kurzzeitig festgesetzt wurde, „in einem Raum heiß wie eine Sauna“. Auch sonst ist das Leben im Südsudan abenteuerlich. Mit dem Flugzeug ist die Region im Nordosten des Landes, wo seine Pfarrei liegt, ausschließlich in der Trockenzeit erreichbar, die Benutzung der Sandstraßen ist ganzjährig nur zu Fuß möglich. Die katastrophale Infrastruktur hat auch einen Vorteil: Militärfahrzeuge können das Dorf nicht erreichen.
Die Gesellschaft in der Region, so Pater Gregor, lasse sich am besten als polygame Hirtenkultur verstehen – „wie bei Abraham“. Spezialisiert hat man sich auf die Rinderzucht. Die Tiere sind Milchlieferanten und Ersatzwährung, auch für Entschädigungsleistungen im Ausgleich zwischen Familien. Geschlachtet wird nur selten – vielleicht mal an besonderen Festtagen. Familien tauschen die Rinder traditionell gegen Frauen – je mehr Rinder sie besitzen, desto mehr Frauen können die Männer der Clans sich „leisten“. Kürzlich habe er eine für den Südsudan typische Taufe gefeiert: Ein Mann kam mit fünf Babys – von fünf verschiedenen Frauen. Das sorgt für Heiterkeit unter den Schülern, die harten Fakten zum Südsudan hingegen für Entsetzen: Über sieben Millionen Menschen hungern, über drei Millionen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Auch in Pater Gregors „verschlafenes Dorf“ kamen 20 000 Flüchtlinge. Seitdem ist die Kirche voll – bis zu 1000 Gottesdienstbesucher sind keine Seltenheit. Pater Gregor hat eine einfache Erklärung: „Die Menschen freuen sich, Christen zu sein und sich zu treffen.“
Seit 1998 gibt es die Pfarrei, auf Initiative der Comboni-Missionare. Der Orden, der 1867 von Daniel Comboni gegründet wurde, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Menschen in Afrika Versöhnung und Frieden durch das Evangelium zu ermöglichen, bei größtem Respekt vor ihren kulturellen Eigenheiten. Die Schüler bohren nach: Wo denn das christliche Werteverständnis bleibe, in all dem Unfrieden. Die Menschen lebten nicht nur hinsichtlich der Sexualmoral noch alttestamentlich, erklärt Pater Gregor. Sie setzten auch immer noch auf Vergeltung statt auf Versöhnung: „Sie haben Jesu Friedensbotschaft noch nicht verinnerlicht. Das braucht Zeit.“

Flüchtlinge bessern die Lage
Und Bildung – Pater Gregor ist der Pfarrer im Ort und zugleich der Schuldirektor. Auch hier leistet er mit seinen Mitbrüdern Pionierarbeit. Kaum jemand könne in der Region lesen und schreiben. Durch die Flüchtlinge habe sich die Lage gebessert. Das liege daran, dass sie vor allem aus den etwas weiter entwickelten Städten kommen. Ein kleiner Lichtblick in einer sonst sehr düsteren Lage.
Doch Pater Gregor lässt sich nicht entmutigen. Mit großer Gelassenheit erzählt er von Armut und ethnischen Konflikten, von Blutrache und dem Versagen staatlicher Institutionen, von Zerstörung und Vertreibung. In dieser nach menschlichem Ermessen ausweglosen Situation kann allein der Glaube helfen, ist er überzeugt. Dieser Glaube hält auch ihn, das ist deutlich zu spüren. Wie geht es weiter mit ihm? „Ich werde sicher noch drei bis fünf Jahre bleiben“. Dann wird er einem anderen Comboni-Missionar Platz machen – in hoffentlich friedlicheren Zeiten.

Von Josef Bordat