02.04.2014

Anstoß 14/2014

LaLiLu: "Singen verändert die innere Haltung"

Mein Sohn ist Autist. Das ist vielleicht der Grund dafür, dass er in bestimmten Situationen völlig anders reagiert, als ich es erwarte. Obwohl Kinder ja ohnehin, ob nun regelrecht entwickelt oder nicht, für Überraschungen gut sind. Wenngleich mein Neunjähriger entwicklungsmäßig seinem Alter einige Jahre hinterher ist, nenne ich ihn im Stillen oft meinen kleinen Lehrer. Denn manchmal sagt oder tut er etwas, was mich total verblüfft und echt zum Nachdenken bringt.
Da ist zum Beispiel die Sache mit „LaLiLu“, dem wohl mit am meisten bekannten Einschlaflied, welches Heinz Rühmann seinem Filmsohn in „Wenn der Vater mit dem Sohne“ allabendlich und mit viel Gefühl sang. Dieses Lied wird auch heute noch an Kinderbetten gesungen; es ist einfach, melodisch und verbreitet so etwas Friedliches. Es gehörte damals auch in mein Schlaflieder-Repertoire. Irgendwann war damit Schluss, weil mein Sohn auch ohne „LaLiLu“ zum Schlafen kam. Doch seit einigen Wochen ist es wieder aktuell. Aber nicht zum Einschlafen. Es war in dem Moment, als mein Sohn irgendetwas machte, was ich ihm verboten hatte. Ich weiß nicht mehr, was es genau  war, jedenfalls hatte er mich in nullkommanichts auf die sprichwörtliche Palme gebracht. In dieser Verfassung polterte ich gleich los und machte meiner Verärgerung lauthals Luft.
Mein Sohn schaute mich verschreckt an und sagte ganz schnell nur zwei Worte: „Lalilu singen!“ Ich verstand im ersten Moment nicht ganz. Wieso sollte ich jetzt ein Schlaflied singen? Nahm mich der Bengel nicht ernst? Und dann hat es Klick gemacht. Wenn ich dieses beruhigende, friedliche Lied singe, ist kein Platz mehr für Poltern, Grollen und Schimpfen. Kann man ein schönes Lied singen, wenn die Seele gerade auf Krawall gebürstet ist?
Mich jedenfalls hat das Singen innerlich wieder heruntergeholt; und es blieb nicht bei dem einen Mal, dass mein Sohn mir schnell sagte: „Lalilu singen“. Es gab auch schon manche Situation, die gar nichts mit ihm zu tun hatte, in der mir genau das einfiel: Singe! Singen, so las ich neulich, lässt tatsächlich inneren Druck abfließen. Auch auf die körperliche Verfassung hat Singen eine positive Wirkung. Singen befreit.
Singen verändert die innere Haltung. Singen soll sogar helfen können, wenn einem ganz und gar nicht danach zumute ist, also auch in  Situationen der Verzweiflung oder Traurigkeit. Die Heilige Therese von Lisieux sah Singen auch als Akt der Liebe Gott gegenüber;  von ihr ist das mutige Wort überliefert: „Singen werde ich, auch wenn ich meine Blumen mitten aus den Dornen pflücken müsste... .“
Andrea Wilke, Erfurt