04.06.2014

Anstoß 23/2014

Kunst und die Erkenntnis der Welt

„Ist das Kunst oder kann das weg?“ stand auf der Karte, die mir ein Freund aus Wien schrieb. Er weiß, dass mich bildende Kunst beschäftigt. Vor allem zeitgenössische Kunst ist eine Herausforderung für mich.

Wo ist die Grenze von Kunst zu gewöhnlichen Alltagsobjekten oder gar Abfall? Gibt es überhaupt eine Grenze von Kunst? Ist ein Objekt Kunst, nur weil es in einer Kunstausstellung zu sehen ist?
Kunst ist oft provozierend. Das war Kunst eigentlich zu jeder Zeit. Im ersten christlichen Jahrtausend beispielsweise gab es deshalb einen Bildersturm.  Vor dem Hintergrund des biblischen Bilderverbotes war jedes religiöse Bild eine Provokation für fromme Theologen. Alle Bildnisse wurden aus den Kirchen entfernt und vernichtet. Nur wenige Werke überstanden das. Der große Streit um Bilder wurde erst spät zugunsten der Bilder geschlichtet. In der Reformationszeit brach dieser Konflikt erneut aus.
Der gesellschaftliche Wandel reflektiert sich in den Kunstwerken. Künstler sind Seismographen der Erschütterungen menschlicher Gesellschaft. Sie sind nicht unbedingt ihre Avantgarde, sondern eher ihr Spiegel. Der Blick in diesen Spiegel provoziert manchmal. Der ungeschönte und überhöhte Realismus expressionistischer Bilder beispielsweise hat die biederen und spießigen Nazis derart gereizt, dass sie dazu den Begriff „entartet“ gebrauchten.
Künstler sind aber auch Mitglieder der Gesellschaft, die sie spiegeln. Ihr eigenes Bild ist in ihren Werken zu sehen, ihre Perspektive der Welt. Jeder Mensch hat eine je eigene Weltsicht. Diese Sichten gleichen sich nicht. Die Menschen können aber einander daran teilhaben lassen, sich mitteilen. Das versucht ein bildender Künstler mit seinem Medium: der Fotografie oder der Leinwand und Farben oder ungeformten Material, das eine Form erhält. Das klingt ein wenig nach den ersten Versen der Bibel, den Schöpfungsberichten. Kunst ist ein Akt der Schöpfung mit dem Unterschied, Gott schuf die Welt aus dem Nichts und ein Künstler schafft nur ein Abbild der Welt, wie er sie sieht. In der Schöpfung können wir Gott erblicken, wie in einem Bild den Künstler und seine Weltsicht.
Wenn Sie ein Kunstobjekt zu dem Gedanken reizt: „Das ist eigentlich Abfall“, dann ist das provozierend und möglicherweise gewollt. Es gibt dabei einen Zusammenhang zu unserer alltäglichen Lebensweise, die ohne Abfall nicht existieren kann. Ein solches Objekt ist also ein wahrhaftiges Bild unserer Welt. Je zerrissener und widersprüchlicher unsere Welt wird, desto komplexer und nicht unbedingt schöner werden auch ihre Abbilder.
Die wahre Erkenntnis unserer Welt aber schenkt uns der Heilige Geist. Den feiern wir zu Pfingsten.
Von Pater Ralf Sagner OP, Leipzig