29.06.2017

Maltherapie für Trauernde und ihre Begleiter

Kreative Auszeit für die Seele

Immer wieder tun sich Eisenberger Katholiken mit Gleichgesinnten für gemeinsame Ziele zusammen. Jüngstes Beispiel: Mit Künstlern und Engagierten der Hospizbewegung bieten sie Trauernden und ihren Begleitern Maltherapie an.


Rita Hässelbarth und Adelheid Bäger präsentieren Bilder, die verwaiste Eltern gemalt haben. | Foto: Dorothee Wanzek

 

Wenn er traurigen und verzweifelten Menschen helfen will, erlebt der Eisenberger Pfarrer Andreas Tober immer wieder, wie schnell er „mit seinem Latein am Ende“ ist. Zuhören ist dann oft wirkungsvoller als reden. Manchmal, wenn das Leid unaussprechlich ist und er die Herzen der Menschen mit Worten nicht erreicht, lädt er sie zum Malen ein.
Mit den Soldaten eines Bundeswehr-Balkaneinsatzes, den er vor einigen Jahren als Militärseelsorger begleitet hat, malte er. Auch als vor knapp zwei Jahren wochenlang Kinder aus der überfüllten Eisenberger Asylbewerber-Aufnahmestelle in seinem Pfarrhaus ein- und ausgingen, die kein Wort Deutsch sprachen und gerade eine traumatische Flucht überlebt hatten, fiel ihm nichts Besseres ein, als ihnen Papier und Farbe zu geben und mit ihnen zu malen.

In einer Sprache, die auch Kirchenferne verstehen
Trauernde zum Malen anzuregen und Menschen, die andere beim Sterben und Trauern begleiten, war dagegen nicht Andreas Tobers Idee. Die Initiative kam aus dem Eisenberger Verein zur Förderung der Hospizarbeit und aus dem örtlichen Kunstverein. Der Pfarrer beteiligt sich jedoch gerne, ist gesprächsbereit einfach bei den Malstunden dabei, gelegentlich gibt er einen geistlichen Impuls und bemüht sich dabei um eine Sprache, die nicht nur für Gottesdienst-Stammbesucher verständlich ist.
Mitunter lässt er die Bibel unmittelbar sprechen, die sich ja – so ist Andreas Tober überzeugt – nicht nur an gläubige Leser wendet, sondern als Kulturgut für alle Menschen interessant ist. Als es kürzlich um das Thema „Schöpfer  sein“ ging, las er aus dem biblischen Schöpfungstext vor und lies ihn anschließend in der Stille nachwirken.
In der Pastoralabteilung des Bistums Dresden-Meißen hat er eine finanzielle Förderung für pastorale Projekte der Verantwortungsgemeinschaften beantragt – mit Erfolg. 
Pfarrgemeinderatsmitglied Adelheid Bäger, die vor zwölf Jahren den Eisenberger Kunstverein ins Leben rief, hat schon häufig miterlebt, wie entlastend Malen sein kann. Sie erinnert sich an eine Schmerzpatientin, die nach langer konzentrierter Arbeit an einem Bild überrascht feststellte: „Seit Monaten habe ich erstmals keinen Schmerz gespürt“. Auch die Teilnehmerinnen des therapeutischen Malkurses für Trauernde und ihre Begleiter empfinden die gemeinsamen kreativen Stunden als äußerst wohltuend und Kraft spendend, erfährt sie immer wieder.
„Ich kann gar nicht malen“ wehrten einige Teilnehmerinnen im März bei der ersten von insgesamt zehn Veranstaltungen.  Diplomkunsttherapeutin Claudia Göckeritz half ihnen über diese Schwelle hinweg. Am Ende des Abends waren die meisten überrascht, was das Malen aus ihrem Inneren hervorgelockt hat und ein wenig enttäuscht, dass es schon wieder vorbei war. Nicht nur nach dem Verlust eines geliebten Angehörigen gebe es das Bedürfnis, Unsagbares zu verarbeiten, auch die schwere und oftmals belastende Begleitung von Menschen auf dem letzten Lebensabschnitt verlange danach, das Erlebte nachklingen zu lassen, ihm Raum geben zu können, um wieder Kraft für die nächsten Wegetappen zu schöpfen. „Es ist erstaunlich, was die gemalten Bilder uns über uns selbst verraten“, findet auch Rita Hässelbarth, ehrenamtliche Trauer- und Sterbebegleiterin beim Eisenberger Verein zur Förderung der Hospizarbeit. Sie rekrutiert die Teilnehmer, die vorrangig über die ambulante Hospizarbeit auf das Angebot aufmerksam werden.
Erstaunlich findet Rita Hässelbarth auch, dass in einer kleinen Stadt wie Eisenberg das Interesse an einem derartigen Angebot so groß ist. Die Hemmschwelle, sich auf kirchliches Terrain zu begeben ist groß, weiß die Ruheständlerin, die selbst keiner Kirche angehört. Es sei deshalb gut, dass die Maltherapie nicht in Kirchenräumen, sondern auf neutralem Gelände, im Galerieraum des Kunstvereins, stattfinde.
Viele, die den Kirchen gegenüber als Institutionen skeptisch eingestellt seien, zeigten dennoch Offenheit für ihre Botschaft. „Auch unter denen, die nicht gläubig sind, wünscht sich fast jeder, nach dem Tod seine Lieben wieder zu treffen“, nennt sie als Beispiel aus ihrer Erfahrung in der Sterbe- und Trauerbegleitung. Bisher hat sich auch noch jeder über ihren selbst gebastelten kleinen Engel gefreut, den sie zu Beginn jeder Begleitung verschenkt.

Miteinander der Institutionen gibt Kraft
Der Engel sei ein Symbol für das, was die katholische Gemeinde mit dem neuen pastoralen Projekt verbindet, erläutert Andreas Tober: „Wir wollen Wegbegleiter sein, niemandem fertige Lösungen überstülpen, aber den Menschen etwas mit auf den Weg geben, was vielleicht irgendwann in ihrem späteren Leben fruchtbar werden kann.“
Nach der letzten der zehn Therapiesitzungen sollen im Januar die schönsten Bilder in der Galerie des Kunstvereins ausgestellt werden. Rita Hässelbarth sieht den Kurs schon jetzt als großen Erfolg. Und das nicht allein wegen der wohltuenden Effekte für jede Teilnehmerin. „Es ist schön zu erleben, welche Kraft entsteht, wenn sich Menschen aus verschiedenen Institutionen zusammentun“, freut sie sich.

Zur Sache: Kirche sein auch für andere
Seit Herbst 2016 fördert das Bistum Desden-Meißen neue pastorale Projekte der Verantwortungsgemeinschaften, mit denen Gemeinden, Initiativen und andere kirchliche Orte sich für ihre nicht getauften Mitbürger öffnen. Zehn Projekte werden derzeit gefördert, darunter die Citypastoral Chemnitz, ein Förderprojekt der Pfarrei Leipzig-Reudnitz für Flüchtlinge und die „Bunte Kirche Neustadt“ in Dresden. Mit dieser Anschub-Finanzierung können Projekte bis zu drei Jahre lang unterstützt werden.

Von Dorothee Wanzek