18.09.2014

Gesprächsprozess der katholischen Kirche

Konkrete Ergebnisse angemahnt

Magdeburg. 300 Vertreter aus allen Bereichen der katholischen Kirche in Deutschland haben sich am 12./13. September in Magdeburg zur Fortsetzung des Gesprächsprozesses „Im Heute glauben“ getroffen. Vertreter aus den Diözesen der neuen Bundesländer schildern ihre Gedanken im Blick auf den Prozess:

Zum Auftakt der 4. Jahresversammlung des Gesprächsprozesses der katholischen Kirche in Deutschland diskutierten die Teilnehmer im Magdeburger Maritim-Hotel die Frage, was der Gesprächsprozess bisher bewirkt hat. Foto: Eckhard Pohl

„Es ist gut, auf Augenhöhe miteinander zu reden“, betont der Vorsitzende des Katholikenrates im Bistum Erfurt, Alois Wolf (65). Und gibt damit wieder, was die große Mehrheit der Teilnehmer empfindet: Die Gesprächskultur zwischen Bischöfen und Kirchenvolk habe sich wirklich verbessert, und zwar nicht nur unter den Teilnehmern des Gesprächsprozesses, sondern auch in mancher Diözese. „Im Bistum Erfurt pflegen wir allerdings schon seit vielen Jahren das offene Gespräch“, fügt Wolf hinzu. „Die hier in Magdeburg und zuvor in Mannheim, Hannover und Stuttgart praktizierte neue Gesprächskultur bestärkt uns darin, diesen Weg weiterzugehen.“ Schwierig sei hingegen, in den Gemeinden des Bistums Erfurt Interesse für den Gesprächsprozess der deutschen katholischen Kirche zu wecken, beklagt Wolf. Einer Reihe von Gemeindemitgliedern seien da anstehende Veränderungen der Pfarreistrukturen wichtiger.

Eine Gesprächskultur auf Augenhöhe
Der Katholikenratsvorsitzende und leitende Caritas-Mitarbeiter in Erfurt ist überzeugt, dass sich die Bischöfe etwa in der Frage des Umgangs mit den wiederverheiratet Geschiedenen oder hinsichtlich von Veränderungen im kirchlichen Arbeitsrecht „wirklich mühen“, allerdings sei bislang leider wenig Konkretes passiert. Wolf wünscht sich zudem, dass auch im Umgang mit dem katholischen Verein „Donum vitae“, der in der Folge des Verbots der Ausstellung von Beratungsscheinen durch katholische Schwangerschaftsberatungsstellen durch Johannes-Paul II. 1999 entstanden war und nach Beratung Schwangerer den Schein ausgibt, „bestehende offene Wunden geheilt werden“.
„Als jemand, der mit nicht allzu großen Erwartungen am Prozess teilnimmt, bin ich von den Tagen hier in Magdeburg nicht enttäuscht“, sagte der Vorsitzende des Diözesanrates des Erzbistums Berlin, Wolfgang Klose (50). Es sei interessant zu sehen, dass Entwicklungen im Osten Deutschlands zunehmend auch die anderen Diözesen betreffen. Leider sei die Außenwirkung des Gesprächsprozesses gering und auch fraglich, ob es angesichts der schwierigen Situation im Erzbistum Berlin gelingen kann, die Anliegen in die Diözese zu tragen. Schwierig sei die Situation im Erzbistum dadurch, dass durch den Weggang von Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki nach Köln nach nur drei Jahren in Berlin der Bischofsstuhl erneut vakant ist, obwohl etwa im Blick auf den Pastoralprozess „Wo Glaube Raum gewinnt“ viele Aufgaben zur Lösung anstehen. „Im Blick auf die beim Gesprächsprozess behandelten Themen hoffe ich, dass bald konkrete Lösungen gefunden werden. Angesichts der Lebenswirklichkeit der Menschen ist da keine Zeit zu verlieren.“
Für Theologieprofessor Benedikt Kranemann von der Universität Erfurt ist seit Aufnahme des Gesprächsprozesses der katholischen Kirche in Deutschland eine „neue Wahrnehmung der Situation und der Probleme in der Kirche auch bei den Bischöfen entstanden“. „Den Bischöfen brennen selbst Themen wie der Umgang mit den wiederverheiratet Geschiedenen unter den Nägeln“, so Kranemann, der zu einer Gruppe von Theologen gehört, die beim Gesprächsprozess das Fach Theologie und die Katholisch-Theologischen Arbeitsgemeinschaften in der Bundesrepublik vertreten. (Allerdings habe die Gruppe, wie einer ihrer Vertreter im Plenum bekundete, leider auf drei der Bischofskonferenz zugeleitete Arbeitspapiere zum Gesprächsprozess außer der Eingangsbestätigung keine Reaktionen bekommen.)
Anstehende Themen würden im Gesprächsprozess offen diskutiert, so Kranemann, die Frage sei jedoch, „wie man es schafft, zu einer Verbindlichkeit zu kommen, und Dinge, über die weitgehend Einigkeit besteht, dass sie gelöst werden müssen, praxisprägend werden zu lassen“. „Wenn man Aussagen von Papst Franziskus im Blick auf die Verantwortung der Ortskirchen ernst nimmt“, so der Theologieprofessor, „warum haben die Bischöfe nicht den Mut, diese aufzunehmen und Dinge für ihre Ortskirche selbst zu regeln?“ Im übrigen hätte die Kirche hierzulande etwa im Blick auf den Einsatz von Frauen in verantwortlichen Positionen der Kirche durchaus schon etwas vorzuweisen. Kranemann hält es für problematisch, dass es nicht gelingt, „die im Gesprächsprozess behandelten Fragen, die Menschen in ihrer konkreten Lebenssituation betreffen, in die gesellschaftliche Öffentlichkeit hinein zu kommunizieren“.
Gemeindereferentin Angela Degenhardt (44), Vertreterin des Bistums Magdeburg, erinnert sich gern an den Aufbruch des Gesprächsprozesses in Mannheim, als alle zum persönlichen Glaubenszeugnis eingeladen waren und daraus gute Glaubensgespräche entstanden. „Das Gespräch im Rahmen des Dialogprozesses ist anstrengend, zum Teil auch nervig und es sind nicht so schnell Ergebnisse vorzuweisen. Aber es gibt keine Alternative“, so Degenhardt, die neben der Gemeindearbeit auch in der Jugendverbandsarbeit engagiert ist. Im Bistum Magdeburg werde schon lange eine gute Gesprächskultur gepflegt. Jetzt seien mit den Zukunftsbildern 2019 Impulse in der Diskussion, wie Christsein zeitgemäß gelebt werden kann. Manchen im Bistum sei es sogar manchmal schon zuviel mit dem Gespräch. „Doch alle Bemühungen, den Austausch auf Augenhöhe zu praktizieren und miteinander sprechen zu lernen, sind wertvoll.“

Nötig: Mehr Transparenz und  Diskussion weiterer Fragen
Martina Breyer (50), stellvertretende Vorsitzende des Diözesanrates des Bistums Dresden-Meißen, stellt seit Beginn des Gesprächsprozesses auch in ihrer eigenen Diözese positive Veränderungen in der innerkirchlichen Gesprächskultur fest. Seitdem habe es in Gemeinden und Gruppen des Bistums mit „guter Resonanz“ an die 100 Veranstaltungen zu den Themen des Dialogprozesses gegeben. Allerdings sei es „schwierig, im Bistum den Dialogprozess am Leben zu halten“, da er vom seit einem Jahr laufenden Erkundungsprozess der Gemeinden „überlagert“ wird, zumal damit unterschiedliche Personengruppen befasst seien.
„Klar sei, dass es nicht so einfach ist, in konkreten Problemfeldern des Gesprächsprozesses zu Lösungen zu kommen“, so Frau Breyer. Allerdings wünsche sie sich hinsichtlich angestrebter Lösungsmöglichkeiten seitens der Bischöfe mehr Transparenz. „Es wäre gut, wenn die Argumente in der Diskussion etwa über die Zulassung wiederverheiratet Geschiedener zu den Sakramenten offengelegt würden. Dann würden die Menschen auch sehen, dass wirklich darum gerungen wird.“ Breyer vermisst im Gesprächsprozess aber auch Themen. So sei zum Beispiel wenig im Blick auf die Frage der Gemeindeleitung bei fehlenden Priestern zu hören.
Auch für die Referentin im Seelsorgeamt des Bistums Görlitz und Gemeindereferentin Ingrid Schmidt ist in der katholischen Kirche hierzulande „das Bewusstsein gewachsen, dass man miteinander reden und offen miteinander umgehen muss“. Ihr Bischof Wolfgang Ipolt etwa bitte seine Mitarbeiter regelmäßig um Vorschläge und Hinweise zu verschiedenen Fragen.  Auch wenn es in manchen Fragen des Dialogprozesses noch keine konkreten Antworten gebe, sei es nötig, schon jetzt als Kirche auf betroffene Menschen zuzugehen und ihnen zu sagen: „Ihr seid uns in eurer Situation nicht egal.“
Am Gesprächsprozess in Magdeburg nahmen unter anderem auch die Bischöfe von Dresden-Meißen, Görlitz und Magdeburg, Heiner Koch, Wolfgang Ipolt und Gerhard Feige teil. Ebenfalls – als Miglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken – war Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff dabei.
                 Mehr Infos: www.dbk.de/themen/gespraechsprozess/; www.zdk.de; www.katholisch.de

Von Eckhard Pohl