22.03.2017

Kirchenhistoriker Josef Pilvousek zum Reformationsgedenken

Können Katholiken mitfeiern?

Ein Studientag in Cottbus beschäftigte sich mit dem Reformationsgedenken 2017. Der Erfurter Kirchenhistoriker Josef Pilvousek machte dabei „Katholische Anmerkungen zu einem evangelischen Jubiläum“.


Der Görlitzer Bischof Ipolt dankt dem Erfurter Kirchenhistoriker Pilvousek für seine katholischen Anmerkungen zu einem evangelischen Jubiläum. | Foto: Matthias Holluba

 

Ist das diesjährige Reformationsjubiläum für katholische Christen ein Anlass, den evangelischen Mitchristen zu gratulieren? Können Katholiken dieses Ereignis mitfeiern? Mit diesen Fragen stieg der Erfurter Kirchenhistoriker Josef Pilvousek in einen Studientag zum Reformationsgedenken ein, der in Cottbus stattfand und zu dem das dortige Akademikerforum zusammen mit dem Seelsorgeamt des Bistums Görlitz eingeladen hatte.

Verlorene Kircheneinheit kann man nicht feiern
Als vor rund zehn Jahren die Lutherdekade zur Vorbereitung des 500. Jahrestages der Reformation eingeläutet wurde, hätten die Katholiken damit zunächst nichts anfangen können. Der damalige Erfurter Bischof Joachim Wanke fragte damals: „Haben Katholiken beim Gedenken an 500 Jahre Reformation etwas zu feiern? Meine Antworte lautet Nein.“ Die Katholiken könnten der Reformation gedenken und versuchen, sie besser zu verstehen. Aber die verlorene Einheit der Kirche könne man nicht feiern. Durch diesen und andere Anstöße, so Pilvousek, ist seitdem ein Prozess in Gang gekommen. Aus dem Luther- oder Reformationsjubiläum ist inzwischen ein Christusfest geworden, das auch Christen anderen Konfessionen mitbegehen. Dazu gehört zum Beispiel ein Buß- und Versöhnungsgottesdienst, der auf deutschlandweiter Ebene in Hildesheim stattfand und zurzeit in den Bistümern und in manchen Gemeinden gefeiert wird.
Waren alle vorhergehenden Luther- und Reformationsjubiläen mit zum Teil starker politischer Vereinnahmung „Siegesfeiern des Protestantismus“ und „Kampfansagen gegen den Katholizismus“, biete das diesjährige Gedenken erstmals die Chance eines ökumenischen Miteinanders, sagte Pilvousek. Er warnte allerdings auch davon, Luther zu sehr an den Rand zu drängen. „Dann verlieren wir für das ökumenische Gespräch eine wichtige gemeinsame Basis.“
Das katholische Luther-Bild habe sich im letzten Jahrhundert erheblich verändert. War Luther über die vorhergehenden Jahrhunderte hinweg der Feind der katholische Kirche schlechthin, wird er seit der Mitte des 20.  Jahrhunderts in der Theologie und dann auch beim Zweiten Vatikanischen Konzil neu bewertet. Luther werde mit seinem berechtigen Reformanliegen gesehen. Zugleich habe er einen Katholizismus in sich niedergerungen, der gar nicht katholisch war. Reformansätze habe es in der katholischen Kirche schon vor Luther gegeben. Das stelle Luther nicht in den Schatten. „Er ist eine bedeutende Gestalt der Kirchengeschichte und ein Lehrer der Christenheit“, sagte Pilvousek.
Als wichtigsten Beitrag Luther für die heutige Theologie bezeichnete Pilvousek seinen Ansatz beim Evangelium von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes und dem Ruf zur Umkehr. Für Luther war die Botschaft von Gottes Barmherzigkeit die Antwort auf seine persönliche Frage: Wie finde ich einen gnädigen Gott? Er hat wiederentdeckt, dass Gott die Mitte menschlichen Lebens sein müsse: Der Gerechte lebt aus dem Glauben. Pilvousek: „Gott liebt uns nicht, weil wir brav sind, sondern weil er gut ist.“

In vielen Teilen der Welt „Ökumene des Blutes“
Im Resümee seines Vortrags erinnerte Pilvousek daran, dass Christen heute in vielen Teilen der Welt verfolgt werden. Die Konfession spiele dabei keine Rolle. „Wir erleben hier eine Ökumene des Blutes.“ In dieser Situation sei die Ökumene neu herausgefordert. Der brutalen Gewalt, oft unter religiösem Deckmäntelchen, müssten die Christen gemeinsam ihre universale Botschaft der Liebe entgegensetzen. So gesehen ist es für Pilvousek die beste ökumenische Idee für das Jahr 2017, ein gemeinsames Christusfest zu feiern. 

Von Matthias Holluba